Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1921)
- Article
- Zwei bedeutsame Veranstaltungen
- Date
- 1921-02-01
- Page
- 65 (sequence 2)
- Language
- German
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Zwei bedeutsame Veranstaltungen 65 Nordländern die Demokratie am klarsten verwirklicht ist. Tiefes Eindringen in die wirtschaftlichen und politischen Probleme der Gegenwart ließe die Haltlosigkeit der verallgemeinernden antisemitischen Beschuldigungen zutage treten, die meist parteipolitischen Rücksichten ihr Dasein verdanken. Die ungeheuerlich schwierige Lage verbiete jedem wahren Vaterlandsfreunde den Luxus einer inneren Verhetzung, wie sie de.r Antisemitismus darstellt. Nach den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen des Demokraten nahm als Vertreter des Zentr um s der Herausgeber der Wochenschrift „Christliche Polit i l“, Dr. Alfons Steiger, das Wort, der eingangs erklärte, daß er die Autorisation seiner Parteiführer für seine Worte habe. Er knüpfe an die besten Traditionen des Zentrum ßan, wenn er erkläre, daß erjeden Rassenantisemitismus, jede Zurücksetzung aus religiösen Gründen ablehne. Die Katholiken als solche selbst lange benachteiligt, wünschten andern gleiche Zurücksetzung zu ersparen. Das Gutachten eines hervorragenden Parteiführers, daß jeder Antisemitismus letzten Endes auch christentumsfeindlich sei, weise dem Zentrum seinen Platz zu. „Helfen Sie uns," schloß der Redner, „zum Frieden im deutschen Volke." (Stürmischer, oft wiederholter Beifall.) An der Diskussion beteiligten sich u. a. Pfarrer Dietrich Graue, Justizoöersekretär Lange, Vor-- sitzender der Berliner Zentrum spartet, Professor Helmke und Dr. Paul Nathan, Mitglied unseres Hauptvor - standes. Justizrat Brodnitz konnte mit Befriedigung den glanzenden Berlauf der Versammlung feststellen, wofür er besonderen Dank den Rednern aussprach. Jüdische GeheimgefeHe. Der Verband Groß-Berliner Ortsgruppen des Central-Vereins hatte am 13. Januar eine große Anzahl Berliner Persönlichkeiten, besonders aus Lehrer- und Geistlichenkreisen, nach der Philharmonie geladen, wo die in kleinen Kreisen begonnenen Diskusfionsabende zum ersten Male in der großen Oeffentlichkeit stattfinden sollten. Liz. F i e b i g - Leipzig, ein seit mehr als 20 Jahren auf dem Gebiete der Talmud- und der raöbinischen Schriften versierter Gelehrter, sprach über das Thema „Jüdische Geheimgesetze?" Der 1. Vorsitzende des Central-Vereins, Justizrat Brodnitz, leitete mit gewohnter Ruhe die Versammlung. Liz. Fiebig entledigte sich seiner Aufgabe in t einer einem deutschen Wiffenschaftlerwürdigen Weise. Er wies an drei Textstellen des Talmud und des Schulchan Aruch nach, daß die Zitate von Fritsch und Dinter durch Herausreißen aus ihrem Zusammenhänge entstellt und mißdeutig geworden seien. Geheimgesetze im eigentlichen Sinne des Wortes gäbe es nicht. Denn die Urtexte sowohl wie bereits vorhandene, wenn auch nicht vollständige Übersetzungen stünden jedem Kenner und Interessenten in den großen Bibliotheken zur Verfügung. Jetzt aber, wo das Problem der jüdischen geheimen Gesetzesliteratur in so starkem Maße die Oeffentlichkeit errege, läge es im Vorteil beider Parteien, eine Ueöersetzung der strittigen Schriften zu veranlassen, die dem Rufe deutscher Wissenschaft entspräche. — Als erster Diskussionsredner nahm Or. Artur Dinier das Wort. Er versuchte an Einzelheiten des Referates Kritik zu üben, war aber in dem Augenblick dem Manne der Wissenschaft gegenüber unterlegen, als er seine vollkommene Unkenntnis des Hebräischen und der Urtexte eingestehen mußte. Aus der überaus interessanten und angeregten Debatte, der erst die Polizeistunde ein Ende bereitete, seien noch Pastor E. S ch a eg f e r genannt, der die Ethik des Talmuds als