Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1921)
- Article
- [Ohne Titel] / Verax
- Date
- 1921-02-01
- Page
- 60 (sequence 6)
- Language
- German
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60 Im deutschen Reich DaS ungarische VoröUS Allein noch beklemmender ist folgende Erwägung: Die Ukraine ist weit, und alles, was dort kreucht und fleucht, spottet der Entente mitsamt dem Völkerbund und aller moralischen Körperschaften der Welt, ihrer Proteste und Entrüstungen. Ungarn dagegen ist sehr nahe, befindet sich in der Reichweite nicht nur der moralischen Redensarten, sondern, was viel wichtiger ist, der Kanonen der westeuropäischen Mächte mit ihrer Demokratie und Gerechtigkeit. Das geringste Mitglied der Entente, Rumänien, durfte. mehrere Monate das ganze Land besetzt halten und darin Hausen wie die echten Hunnen. In Budapest residierten seit dem Zusammenbruch eine französische, eine englische und zeitweise auch eine amerikanische Militärkommission mit hohen Offizieren an der Spitze. Nun weiß die ganze Welt, was. in Ungarn den Juden widerführt, nicht wie in der Ukraine von verwilderten, zuchtlosen Räuberbanden, sondern von den Vertretern der legitimen, allerlegitimsten Gewalt, im Namen und unter Aufsicht der Regierung! Warum haben die Vertreter der Westmächte n i ch i ei n einziges M a l gegen das protestiert, was unter ihren Augen geschieht? Warum hat man während der Friedensverhandlungen mit Ungarn die Dinge nicht im Tr-ianon zur Sprache gebracht? Haben die Wächter Israels während dieser Friedensverhandlungen geschlummert? Das offizielle Ungarn leugnet mit frecher Stirn alle Meuchelmorde und Gewalttaten, die im Aufträge der Regierung und unter deren wohlwollender Duldung verübt werden. Gut, aber der ungarische Kultusminister Haller — wie schon der Name bezeugt, ein rassenreiner Magyar, — verkündete im September vorigen Jahres auf einer öffentlichen Versammlung als das Grundprinzip der Regierung, dem magyarischen Volke einzuhämmern, daß in Ungarn nur ein Christ und Magyar das Recht habe, zu leben! Das widerspricht den Grundsätzen, zu denen Frankreich und England sich seit mehr als 120 Jahren unerschütterlich bekennen. Warum hat kein Vertreter dieser Länder gegen diese neue Lehre des ungarischen Kultusministers protestiert, die geeignet ist, das ganze moderne Staatsleben aus den Kops zu stellen? . . . Das obenerwähnte .loint foreign committee, welches die beiden angesehensten englischjüdischen Organisationen, nämlich die Anglo Jewish. Association und den Board of Deputies repräsentiert, gab vor kurzem ein kleines Heft heraus, welches einen Briefwechsel mit dem britischen Auswärtigen Amt über die Juden in Ungarn enthält. Dem Joint foreign committee war zu Ohren gekommen, daß in einem ungarischen Städtchen sich ein Pogrom vorbereite. Das Komitee wandte sich an das Auswärtige Amt mit der Bitte, den großbritannischen Vertreter in Budapest zu ersuchen, er solle der bedrohten Gemeinde Schutz gewähren. Darauf übersandte das Auswärtige Amt an das Komitee einen Bericht des englischen Vertreters in Budapest, in welchem geleugnet wurde, daß überhaupt eine jüdische Gemeinde in diesem Lande je vom Pogrom bedroht oder einem Juden je ein Haar gekrümmt worden sei. Zum Beweis dessen legte der britische Vertreter seinem Bericht einen Brief bei, den der Rabbiner jenes Städtchens an den Chief Babbi of England richtete und in dem er bestätigte, daß die Juden in Ungarn sich förmlich wie -im Paradiese fühlten. Das Komitee richtete darauf an das Auswärtige Amt einen weiteren Brief, in dem Aussagen von Augenzeugen und ein, von den Ministern der früheren Regierung Vaszonyi, Garami, Szabo u. a. unterzeichnetes Protokoll angeführt wird, der Brief des Rabbiners wird als erpreßt gekennzeichnet, und auf den Fall L o e w hingewiesen, der soviel Aufsehen erregte. Der Rabbiner von Szegedin, Dr. Immanuel Loew, wurde eingekerkert, lange Zeit im Gefängnis gehalten und unter schwere Anklage gestellt, weil er angeblich einem holländischen Journalisten gegenüber sich über die Behandlung der Juden in Ungarn nicht mit besonderer Begeisterung geäußert