Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1921)
- Article
- [Ohne Titel] / Verax
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 25 (sequence 8)
- Language
- German
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Jüdische Rundschau;o 5 und schrvärinerische Gedichte verlören. Starke B-ewegnnger: der lebendigen Wirklichkeit haben alle diese ungesunden Ausgeburten wetzgefegt und in die literarische Rumpelkammer geworfen. Aus ähnlichen seelischen Motiven entspringt die jetzige Schwärmerei westjüdischer Literaten und Äestheten für das „ostjüdische Wesen" oder die „ostjüdische Kultur^. ' Der Ostjude, nämlich der arme, unwissende, ungelenke, lebensunfähige Jude' in Galizien oder Wolhynien, der die Bürde mehrhundertjährigen Elends und Unterdrückung mit sich schleppt, aus der er sich mit heroischer Anstrengung herausarbeiten möchte, dieser Ostjude ist plötzlich der Musterjude geworden, das Ideal, das verewigt werden muß. Anstatt ihm die Hand zu reichen und ihn aus diesem Sumpf von Hilflosigkeit und Jammer hinauszuziehen zum Licht und zur Arbeit, wie es die Besten seiner Söhne erstrebten, findet man die Fetzen, die er trägt, die Not und den Schmutz, in denen er verkommt, malerisch. Sein bleiches Gesicht, die verwilderte Haartracht, die müden Augen verlocken zu hübschen Aktstudien; sein Aberglaube ist mystisch, seine Unwissenheit und Weltfremdheit ist poetisch. Er soll nur immer so bleiben, damit man von seinem Leben packende Radierungen entwerfen, die zahlungsfähige Käufer finden, und ergreifende Feuilletons und verzückte Gedichte machen kann, die man vor einem zu Tränen gerührten oder begeisterten Publikum mit Erfolg vortragen kann. Sein mehrhundertjühriges Elend wird zum Spielzeug für setffationslüsterne Müßiggänger gemacht. Dem „greisenhaften, abgelebten, zerfallenden Westjudentum", demselben, welches die Mendelssohn, Zunz, Abraham Geiger, Samson Raphael Hirsch, Zacharias Frankel, Graetz, Joel, Bernays, Munk, Israel Hildesheimer, Montefiore/Grämienx, Messer, Jacoby und ihresgleichen hervorgebracht hat, wird „die saftige, lebenssrische Kultur" der Ostjuden als Muster entgegengehalten; aber deren Repräsentanten sind nicht etwa der Gaon von Wilna, Manasse von Jlia, Ezechiel Landau o-der Nachman Krochmal, Rapoport, Perl, Schor,' Erter, I. H. Weiß, Isaak Beer Levynsohn, Jehuda Lob Gordon; diese sind..ja nämlich auch „Westjuden", und sie haben reichlich an der „greisenhaften Verkommenheit" des ganzen Westjudentums mitgearöeitet, sondern der Repräsentant ist der — Z a d ldä k von S a d a g o r a! Der Cha ssid i s m u s ist nämlich das Hauptstück, die Glanzleistung, die Glorie dieser ostjüdischen „Kultur". Nichts ist so bezeichnend für das unsagbare Chaos in den Meinungen, das derzeit, namentlich unter der jüngeren Generation, herrscht, als dieses schauderhafte Gemenge von Radikalismus und Aberglauben, aus dem sich die „Ansichten" der nationalistisch-zionistischen Kreise zusammensetzen. Einerseits gilt es, ein „außerreligiöses Judentum" zu gründen, die jüdische Religion aus dem Judentum hinauszuwerfen und die jüdischen Gemeinden, die seit unvordenklichen Zeiten Religionsgemeinden waren, in „rein weltliche" Volksgemeinden umzuwandeln. Es gilt als verpönt, wenn ein Jude den anderen als Glaubensgenossen bezeichnet, das ist ein Verstoß gegen die „nationale" Würde, die nur „Volksgenossen" kennt. Gleichzeitig wird der gesamte chassidische Aberglaube, die Gesundbeterei, das Wundertätertum, das Geisteraustreiben als echtestes, weil „volkstümliches" Judentum erklärt. Ungefähr dritthalb Jahrtausende hat sich das Judentum mit Moses und seiner Lehre begnügt. Die neuesten „Umschöpfer" und Verjüngerer des Judentums können nicht leben, ohne ihm Jesus und Marx mit einzuverleiben. Es ist unmöglich, eine Schrift dieser neuesten Erforscher und Darsteller der jüdischest oder jiddischen „Kultur" zur Hand zu nehmen, ohne auf diese blasphemische Verkoppelung zu stoßen. (Dabei ist keiner dieser Erneuerer imstande, drei Bibelverse in der Ursprache zu entziffern.) In der allerjüngsten Zeit ist eine neue Säule hinzugefügt worden: Gustav Landauer! :Man traut feinen Augen nicht: die repräsentiven Geister des Judentums sind