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Im deutschen Reich · 1921-01-01 · Heft 1 (Januar 1921) · p. 24

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
27 (1921)
Issue
Heft 1 (Januar 1921)
Article
[Ohne Titel] / Verax
Date
1921-01-01
Page
24 (sequence 7)
Language
German
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24 Im beui]'d)en Reich Padua,- Salomo Loeö Rapoport in Lemberg als „Ostjuden" geringer e'inschätzten. Selbstverständlich gibt es im Osten sehr zahlreiche „Westjuden", dcts heißt eine Schicht, die in Bildung, Lebensweise, Denken und Fühlen von dem, was man gewohnt ist, europäische oder westeuropäische Kultur zu nennen, erfüllt sind, gleichwie alle anderen Völkerschaften Osteuropas eine solche Schicht/arrfweisen, die westliche Kultur unter den Volksgenossen zu verpflanzen bemüht sind. Turgenjew und sein Kreis wurden bekannt-- tich von den stockrussischeu Finsterlingen und Obskuranten „Sapadniki", Westler, also „Westrussen" geschimpft, weil sie sich bemühten, westeuropäische Ideen von Bauernbefreiung, Rechtsgleichheit der Stände, Konstitution, Gedankenfreiheit, öffentliche Gerichtsbarkeit, Schulzwang und dergleichen verderbliche Erzeugnisse des „verfaulten westeuropäisches! Geistes" nach dem heiligen Rußland einzuführen. Solche „Westjuden" waren im Osten alle diejenigen, die seit Hundertuudfünfzig Jahren bemüht sind, die breiten jüdischen Massen aus der Lethargie zu einem menschenwürdigen Leben, zu erwecken, sie aus der Armut und Unwissenheit zu einem freieren wirtschaftlichen und kulturellen Leben zu erziehen durch Schule und Arbeit, durch Aufklärung und Beispiel.. Nur fällt diese Aufgabe den „Westjuden" des Ostens viel schwerer als etwa den „Westrussen", oder den „Westpolen" die ihrige, denn die Mittel sind geringer und die Hindernisse großer, und der Staat bietet ihnen keinen Beistand. Im Gegenteil. . . . Darum haben die Juden des Westens es stets als ihre Pflicht erachtet, den „Westjuden" des Ostens bei dieser Arbeit an den dortigen jüdischen Massen nach Krästen Beistand zu leisten. Sie begleiteten mit großer Herzlichkeit und Teilnahme ihre Kämpfe und Mühen, und oft nahm der Beistand sehr greifbare, reale Formen an. ■ -. ° In den letzten Jahren hat diese Herzlichkeit und Anteilnahme in denselben Kreisen, denen die Prägung und Verbreitung der Phrase von dem „Ostjuden" verdankt wird, eigenartige Formen angenommen. M das, wovon die „Westjuden" des Ostens die Massen ihrer Brüder mit dem Aufgebot aller Kraft zu befreien» streben: die Unwissenheit, der Aberglaube, die wirtschaftliche Hilflosigkeit, die Weltfremdheit, mit einem Worte, die Kulturlosigkeit, in der sie.vegetieren, wird immer mehr verhimmelt, mit einem erlogenen romantischen Schimmer umgeben. Ein förmlicher Kultus des „O st j u d e n" grassiert. Alles, worunter er seufzt und wovon er sich selben nach Kräften, im äußersten Fall durch Auswanderung, zu befreien sucht, wird als seine „Eigenart" gepriesen, ja, als die Eigenart des Juden überhaupt beinahe heiliggesprocken. Dem Ostjuden wird da zuweilen unheimlich vor seinen westjüdischen Anbetern, und er fragt sich, ob sie bei Sinnen sind oder ihn zum besteni haben. Dieses ganze Treiben ist ein verspätetes und arg verzerrtes zwerghaftes Nachbild jener geistigen Strömungen, die vor 100 Jahren» nach starker Physischer und moralischer Erschöpfung die Völker beunruhigten. Die Romantik war eine dieser Strömungen, sie flüchtete sich aus einer rauhen Gegenwart, die an die Tatkraft und die klare Vernunft hohe Anforderungen stellte, in eine wenig bekannte, entlegene Vergangenheit, wo der untätige Schwärmer nicht Gefahr lief, von harten Tatsachen grausam widerlegt zu werden. Dicht darauf kam, namentlich über die slawischen Völker, eine Manie, die „niederen Volksklassen", als Gott und der Natur näh erstehend, mit krankhafter Sentimentalität anzuschwärmen. Ihre der Armut, Unwissenheit und Unfreiheit entsprungenen Untugenden, Laster und Schwächen wurden verhimmelt, anstatt daß man tatkräftig an deren AusrottungG durch Verbesserung ihrer Lage und Hebung ihres geistigen Niveaus gearbeitet hätte. Die „niederen Volksklassen" sollten ewig in ihrem primitiven Zustande verbleiben, damit tränenreiche und weichherzige Literaten und „schöne Seelen" nicht einen so kostbaren Vorwurf für rührsame Bücher

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