Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1921)
- Article
- [Ohne Titel] / Verax
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 22 (sequence 5)
- Language
- German
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22 Im deutschen Reich Osten den Westen einh'olen konnte, wenn nicht dieser inzwischen sich durch den Weltkrieg selben ein ähnliches Schicksal bereitet hätte. Es ist selbstverständlich, daß der kulturelle Höhenunterschied der Länder sich im Lebenauch ihrer Juden bemerkbar macht. Auch h i er ist der Höhenunterschied nichts als eine Verschiedenheit des Entwicklungsgrades. Dazu kommt noch der schwerwiegende Umstand, daß in Osteuropa die Juden in Massen siedeln, also der Massenpsychologie gehorchen, während sie im Westen, sogar in Deutschland, sich in der Gesamtbevölkerung fast verlieren. In Deutschland kommt ein Jude auf 102 bis t0ö Einwohner, in Polen einer auf 6—7. Die Stadt Warschau allein zählt halb soviel Juden wie das ganze -Deutsche Reich. In Deutschland gehört die gesamte jüdische Bevölkerung dem wohlhabenden Mittelstand und der Bildungsschicht an, mit äußerst wenigen Absenkern nach unten und sehr zahlreicheck Ausläufern nach oben. Der Unterschied an Bildung und Lebenshaltung zwischen-den« einzelnen Kreisen ist sehr gering, die jüdische Bevölkerung ist in intellektueller und sozialpsychologischer Beziehung ziemlich homogen. Im Osten gibt es, gab es schon lange vor dem Krieg, was Ln L)eutschland nicht öorkommt, ein jüdisches Massenelend mit allen seinen unseligen Begleiterscheinungen. Die wirtschaftlichen und sozialen, folglich auch die kulturellen Unterschiede und Gegensätze zwischen den einzelnen Schichten deck jüdischen Bevölkerung sind groß, daher ist der Einfluß der führenden Kreise aus die Massen und ein einheitliches Zusammenwirken der Gesamtheit viel schwieriger als in Deutschland. Während in ganz Westeuropa die Juden reichlich aus dem. allgemeinen Kulturleben schöpfen können, an dem sie seit anderthalb Jahrhunderten tatkräftig Mitarbeiten, sind die Ostjuden genötigt, ihre Kulturbedürfnisse aus eigenem zu befriedigen, da sie zu den Quellen des ohnehin spärlich fließenden Geisteslebens der Umwelt keinen Zutritt haben, von dieser sogar sprachlich geschieden sind. Sie müssen doppelte Energie auföringen, um am allgemeinen Schicksal und an dem öffentlichen Leben ihres Landes mitzutragen und dabei ihr eigenes Gemeinschaftsleben aufrechLzuerhalten. Vorurteile und Gehässigkeiten, die überall in Europa seit langem erloschen sind und die der Antisemitismus mühselig wieder zu erwecken bestrebt ist, richten sich gegen sie aus Schritt und Tritt auf. Dabei ist der Kampf ums nackte Dasein von neun Zehnteln, auch der Wohlhabenden und Gutsituierten unter ihnen ganz unvergleichlich schwieriger und aufreibender als der der Bewohner der (vor dem Kriege) glücklicheren Länder. All das entgeht dem flüchtigen Beobachter aus dem Westen, und darum steht er so häufig gänzlich verständnislos den „Ostjuden" gegenüber. Diese Bezeichnung „Ostjuden" ist eine der neuesten Errungenschaften der Strömung, die mit soviel überflüssigem Nachdruck die „Einheit des jüdischen Volkes" betont und-das schöne militärische Schlagwort von der „Einheitsfront" nachäffend geprägt hat. Es muß ein Schwachkopf gewesen sein, der diese geographische Orientierung in die innere Judenfrage hineingebracht hat. Königsberg und Memel sind viel östlicher gelegen als Warschau und Lemberg, aber die Juden der ersteren Städte sind Westjuden, me der letzteren Ostjuden. Wäre Polen nicht geteilt worden, dann wären M. Lazarus, H. Grätz, IM, Rudolf Mosse und viele, viele andere, auf die wohl kein „Westjude" verzichten möchte (vielleicht sogar Salomon Munk und Eduard Laster) Ostjuden geblieben. Moses Mendelssohn rühmte sich, der Urenkel des „ostjüdischen" Rabbiners Moses Jsserls in Krakau zu sein; Gabriel Riesser war der Enkel des Hamburger Großrabbiners Raphael Kohen, der nach Hamburg aus Pinsk in Litauen berufen worden war; Ludwig Philippsons Vater war unendlich stolz, mit dem „Pens Jehoschua" verwandt zu sein, einem berühmten Rabbiner in Lemberg, dessen Nachkomme in Berlin und Frankfurt a. M. fungierte.