Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1921)
- Article
- [Ohne Titel] / Verax
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 21 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- address
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316912-2316913--31713-2358270- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdische Rundschau 21 und einflußreichsten Männer, P h i l i P p s o u , L ä n d°s b'e-r g und R e u - mann, seine eifrigsten Verfechter wurden. Die ganze Sorge dieser Männer galt den russischen und rumänischen Juden, namentlich diesen letzteren; in Mittel- und Westeuropa war die Lage der Juden von keiner Seite bedroht. Diese Männer, die von unseren heutigen Ueberjuden als „Assimilanten" gebrandmarkt werden, hätten es nicht verstanden, wenn Man ' ihnen die Frage vorgelegt hätte, ob sie Glaubensgenossen oder Volksgenossen seien; "indem sie Juden waren, fühlten sie sich als Söhne desselben Volkes. Aber noch unverständlicher wäre es ihnen gewesen, wenn man ihnen hätte weismachen wollen, daß dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit auf irgendeine Weise in Widerspruch stehen könnte mit ihrer Vaterlandsliebe. Im Dezember 1876 fand in Paris eine „Reunion" in Sachen der Juden auf der Balkanhalbinsel statt, an der Repräsentanten aller Länder teilnahmen und auf der weittragende Beschlüsse gefaßt wurden, betreffend eine Intervention bei den Großmächten, die kurz daraus zu einem Kongreß zusammentraten. Da sagte der deutsche Repräsentant Dr. Landsberg, einer der unermüdlichsten Vorkämpfer der rumänischen Juden: „Wir sind über die ganze Erde zerstreut und gehören der eine diesem, der andere jenem Vaterlande an, wir lieben jeder sein Vaterland und dienen ihm mit Gut und Blut, mit Leib und Seele, aber unbeschadet dieses Patriotismus, in bezug auf welchen wir nirgends hinter unserem: andersgläubigen Mitbürgern zurückstehen, haben wir in unserem Herzen noch ein Plätzchen frei für das Heiligtum des Lebens, das uns mit unseren Glaubensgenossen auf der ganzen Erde gemeinsam ist, an das sich für uns gemeinsame große Hoffnungen und Erinnerungen knüpfen, das wir uns gerettet haben, wie es uns gerettet hat aus allen wunderbaren Schicksalen, die uns betroffen haben, und in welchem unser ganzes geistiges Sein, unsere weltgeschichtliche Bedeutung, unsere Fortdauer wurzelt und gipfelt; dieses Heiligtum ist unsere Religion." Die alten „Assimilanten", die sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit für das Wohl der Juden in fernen östlichen Ländern einsetzten und ihre ganze Lebenskraft in den Dienst ihrer Sache stellten, kannten das neueste, unsagbar geschmacklose Schlagwort von der „jüdischen Einheitsfront" nicht. Ihre Sache war es nicht, mit kriegerischen Phrasen zu rasseln, sondern geräuschlos und unermüdlich zu arbeiten. Es war für die Männer dieser ganzen Generation eine Selbstverständlichkeit, in hochzivilisierten Ländern lebend und im Besitze bürgerlicher und politischer Freiheiten, moralisch verpflichtet zu sein, an der kulturellen Hebung und der Befreiung ihrer Glaubensgenossen zu arbeiten, die in den zurückgebliebenen Ländern von Osteuropa lebten und der Gleichberechtigung ganz oder teilweise entbehrten. Die geschichtlichen Ursachen der Zurückgebliebenheit der östlichen Halste von Europa liegen anderthalb Jahrtausende zurück; aber auch Vorgänge der neueren Geschichte haben viel dazu beigetragen. In demselben Jahre, in dem der Westfälische Friede für Mittel- und Westeuropa eine Epoche greuelvoller Kriege abschloß und eine Epoche des Aufschwungs und der industriellen Entwicklung einleitete, die, nur durch kurze Kriegszeiten unterbrochen, zur Konsolidierung der Großstaaten führte und bis in das 20. Jahrhundert andauerte ^— in demselben Jahre begann z. B. in Polen mit den Kosakenanfständen eine ununterbrochene Reihe von verheerenden Kriegen, die die ganze ostslawische Welt aufrüttelten und nicht zur Ruhe kommen ließen, bis der seit dem 16. Jahrhundert sich vorbereitende Zusammenbruch Polens unter furchtbaren Zuckungen und Qualen zur Tatsache wurde. . Jahrhundertelang rieben sich die wertvollsten Menschen und die besten Kräfte, die im Westen am Aufbau der Zivilisation und Ku.ltur arbeiten konnten, in fruchtlosen blutigen Kämpfen aust Es hätte einer langen Epoche friedlicher Entwicklung bedurft, bis' der