Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1921)
- Article
- [Ohne Titel] / Verax
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 20 (sequence 3)
- Language
- German
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20 Im deutschen Reich stellen, die Regierung solle ein Schußgeld auf die Juden einführen, wie aus tolle Hunde — was brauchte man sich in Rußland zu schämen, sie durch den Pöbel kurzweg totschlagen und vertreiben zu lassen? Die Berliner Äntisemitenführer haben den russischerr Chuligans den Freibrief für ihr Tun ausgestellt. T r e i L s ch f e xt n b Stöcker sind die wahren Väter de r nt ssis ch e it Pog r o m e g e w o r d e n. Währeitd man in Berlin und Wien mit wissenschaftlichen Theorien und Rednerphrasen hantierte, schwang man in Rußland das Mordbeil und die Brandfackel. WaZ hier gesät wurde, ging dort blutig auf. Die ganze judenfeindliche Literatur Rußlands ist ein einziger Abklatsch der deutschen. Jahrzehntelang waren die russischen antisemitischen Blätter nur ein Echo der „Kreuzzeitung", der „Staatsbürgerzeitung" und ihresgleichen. Purischkewitsch, das berüchtigte Oberhaupt der „Schwarzen Hunderte", war bis zum Kriegsausbruch Mitarbeiter der „Kreuzzeitung". Aus Berlin bezogen die russischen Pogromhelden und Judenaustreiber ihre ganze „geistige" Munition, die den Juden« das Leben im Zarenreiche zur Hölle machte und sie zur Auswanderung zwang. Wohin sollten sich nun die Unglücklichen wenden, nachdem ihnen das Innere Rußlands, der ganze Osten und Sibirien für immer verschlossen waren, eben infolge dzeser vom deutschen Antisemitismus ausgegangenen Hetze? Wohin andersst-als nach dem Westen? Und was Wunder, wenn von dem großen Strom, der fid). nach der anderen Halbkugel ergoß, einige Tröpfchen in Deutschland hangen blieben? Die russischen Juden können zu den deutschen- Antisemiten sprechen: „Unser Vaterland ist groß, - es bietet Raum für uns alle, wir hatten weder das Bedürfnis, noch die S e h n - sucht, zu euch z u k o m m e n; wenn uns das Leben dort zur Unmöglichkeit geworden ist, und wir gezwungen sind, auszüwandern und in eurem Lande Aufenthalt zu nehmen, so ist daran kein anderer schuld, als ihr selber. Sendet uns it“itr keinen Antisemitis m u s herüber und wir werden zu euch nicht kommen." Möchten die Herren Antisemiten nicht das wenigstens für die Zukunft sich merken? * } * Lange bevor die „Ostjuden" Gegenstand antisemitischer Fürsorge geworden waren, hatten ,sie selbstverständlich die Aufmerksamkeit ihrer westlichen Brüder auf sich gelenkt. Vor mehr als 100 Jahren verfaßte D a v i d F r i e d l ä über auf Verlangen hervorragender polnischer Staatsmänner eine Schrift über die Verbesserung der Lage der Juden in Polen, die, bei aller Befangenheit in den Vorurteilen jener Zeit, viele mit großer Herzenswärme und aufrichtiger Liebe vorgetragene treffliche Ratschläge enthielt. In den dreißiger und vierziger Jahren veraaßen die deutschen Juden über die inneren Kämpfe und den großen Kampf um die Gleichberechtigung niemals ihre osteuropäischen Brüder, denen, wie man damals allgemein wähnte, nur durch Bildung und Aufklärung geholfen werden konnte. Während der Damaskus-Affäre gingen der Engländer Moses M oute f i o r e (der auch beim Zaren Nikolaus zugunsten der russischen Juden intervenierte), der Franzose Ado l p h e C r e m t e u x. und der Deutsche Salomon Munkftogar uach dem fernen Osten, um ihren Brüdern in der furchtbaren Not beizustehen. Als zwei Jahrzehnte später die ersten Begründer der Pariser Alliance Jsraelite Universelle — damals wahrhaft universell, ^rei von jedem nationalen Chauvinismus und überpatriotischer Engherzigkeit — die Parole ausgaben, die befreiter Juden in den westlichen Ländern müssen ihren Brüdern überall dort, wo sie . um ihres Judentums willen leiden, zu Hilfe kommen, fand dieser Gedanke den stärksten Anklang in Deutschland,, wo drei der angesehensten