Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1921)
- Article
- [Ohne Titel] / Verax
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 19 (sequence 2)
- Language
- German
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Jüdische Rundschau 19 w anderer n aus Deutschland Raum und Nahrung zu gewahren. Das Schlagwort von der^.dcohenden UeberfluLung Deutschlands durch Ostjuden ist ebenso alberir wie gewissenlos und nur darauf berechnet, die Massen des ohnehin aufgewühlten Volkes noch mehr auszujtacheln und zu betören. Es lohnt sich aber zu fragen: Was war die Ursache, daß die Pogrome in Rußland ausbrachen? Bis ans Ende der siebziger Jahre herrschte dort eine ausgesprochen judenfreundliche Stimmung, alle Tage erwartete man die Heraökunift der vollen Gleichberechtigung. Kurz vor Ausbruch der Pogrome entstand unter der Protektion des Zaren Alexander II. ein. Verein zur Gründung jüdischer Kolonien in Rußland, es wurden zu diesem Zweck bedeutende Summen gesammelt. In den jüdischen Zeitschriften und Büchern jener Zeit spiegelt sich eine vollständige Ruhe und Zuversicht auf bessere Tage. Die große Masse des russischen Volkes war, wie das Volk überall, von sich aus keineswegs judenfeindlich, es mußte erst dazu durch höhere Beachte, 'Regierung, Beamtenschaft, Geistlichkeit, Intelligenz, erzogen werden, damit aber Judenmetzeleien im größeren Stile entstanden, mußw die Ueberzeugung' verbreitet werden, daß die Regierung das nicht nur erlaube, sondern sogar wünsche. Die russische Regierung konnte damals solches nicht wünschen, konnte es nicht erlauben, denn sie hätte sich vor der ganzen öffentlichen Meinung des damaligen Europa und insbesondere Deutschlands, auf dessen Ansichten man in Rußland dazumal mehr hielt als auf die der ganzen Welt, arg blamiert. Während des Berliner Kongresses, Sommer 1878, versicherte der russische Kongreßdelegierte, Graf Schuwalosf, dem Berliner Bankier B l e i ch r ö d e r, die völlige Emanzipation der Juden in Rußland werde nicht mehr lange aus sich warten lassen, er hoffe, sie noch selber durchzuführen. Auf eben diesem Kongreß hatte Bismarck die Emanzipation der rumänischen Juden mit großer Energie betrieben und dabei dem ersten russischen Kongveßdelegierten, Fürsten Gort-schakoff, der die russischen Juden beschimpft hatte, vor dem versammelten Kongreß eine kräftige Lektion voller Ironie und Freimut erteilt. Die einflußreichsten Elemente der russischen Bureaukratie und' Intelligenz standen unter dem Zauber der Kultur Deutschlands, das damals auch wirtschaftlich und politisch zum Gipse! der Macht sich aufschwang. Es gab allerdings eine Anzahl von Publizisten in Rußland, die Judenhaß predigten, aber diese waren als Reaktionäre verrufen und jeden Einflusses beraubt, sie galten als mittelalterliche Rückschrittler, als beschränkte Fanatiker, dir von der deutschen', Kultur nicht beleckt waren und die Finsternis entlegener Jahrhunderte über das Land herauföeschworen möchten. Wie hatte es in Rußland zu Massenpogromen und -Austreibungen kommen können? Das änderte sich gründlich, nachdem der deutsche Antisemitismus in Hellen Flammen emporloderte. Die Russen hielten ja seit Peter dem Großen die Blicke wie hypnotisiert auf Deutschland gerichtet. Dieses war ihnen stets Meister in allen Fragen der Kultur und des öffentlichen Lebens. Aus Frankreich bezog man Parfüms, Kokotten, Damenmoden und Champagner, aus Deutschland Ideen. Sogar der Panslawismus baut sich ja aus Gedankensolgen auf, die der deutschen Philosophie entlehnt und — verstümmelt wurden. Auch die „Idee" des Antisemitismus entfaltete die volle Wirkungskraft ihres Giftes nur in Rußland, dort wurde sie begierig ausgenommen und von diesen hemmungslosen Menschen sofort in die Tat umgesetzt. Durften in Deutschland Professoren, Parlamentarier und Hofprediger ernstlich die Frage erörtern, ob die Juden überhaupt im Lande zu dulden und nicht wenigstens unter Fvemdenrecht zu stellen wären, wegen der unverbesserlichen Verderbtheit ihrer Nasse, durfte im Wiener Abgeordnetenhause ein mächtiger staatserhaltcuder Politiker den Antrag