Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1921)
- Article
- [Ohne Titel] / Verax
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 18 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- address
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316912-2316913--31710-2358267- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
13 Im deutschen Reich Jüdische Rundschau. Die O stj u d e it f r a g e bildet einen beliebten Gegenstandder Erörterungen und der literarischen Behandlung, drinnen und draußen. Draußen, nämlich in den antisemitischen Lagern aller Farben und Grade, bildet sie sogar eine willkommene Waffe gegen die „Westjuden", nämlich die Juden in Deutschland. Der Kampf gegen diese müsse schon aus dein Grunde aufrechterhalten werden, da sonst ganz Deutschland von den Horden der Ostjuden überflutet werden konnte. Es hat den Anschein, als stünden hinter der Ostgrenze Deutschlands Millionen von Juden, „mir Wanderstaü und Ranzen" gerüstet, um sich auf das Land der Mitte zu stürzen und es in Besitz zu nehmen. Man stellt es so dar (und die Meinung ist sogar in jüdischen Kreisen verbreitet), als ob seit Jahren die Ostjuden von einem „Drang nach Westen" getrieben waren, und das Ziel dieser Wanderung das von ihnen meistbedrohte Land Deutschland wäre. Das ist in zweifacher Beziehung unwahr. Unter den Juden des Zarenreiches herrschte seit jeher die Hoffnung, daß ihnen die durch Katharina II. geschlossenen Ostgrenzen des Ansiedelungsrayons geöffnet würden. Seit jeher ist, sooft ein liberaler Windhauch über Rußland wehte, die Strenge des Wohnverbotes für die Juden im Osten gemildert worden. Einzelner: Klassen wurde der Aufenthalt in ganz Rußland freigegeben, und einzelne Gegenden wurden der jüdischen Einwanderung in weitestem Maße erschlossen. Die ganze liberale Periode Alexanders II. hindurch hatte.es den Anschein, daß der Ansiedelungsrayon gänzlich aufgehoben werden würde. Die Jude n drängten alle na d] dem O st e n, wo sich ihrer gewerblichen und kommerzieller: Tätigkeit ein schrankenloses Gebiet eröfinete. Damals gab es wohl eine Jude n einwanderu n g , besonders aus D e u t s ch l a u d , u a ch R u 3 I a n b , sie umfaßte Kansleute, Unternehmer, Techniker, Aerzte; aber die AusWanderung aus Rußland war höchst minimal; insbesondere nach Deutschland kamen — von den Kurgästen, die die Badeorte und die Empfangszimmer der Aerzte füllten, abgesehen, ebenso vor: den Kaufleuten, die den stets wachsenden Hände! nach Rußland besorgten — nur Studierende, die an der Quelle deutscher Wissenschaft und Philosophie tranken, Rentiers, die sich von den Geschäften zurückgezogen und ihre Einkünfte im heiligen Lande der Kultur und der Ordnung verzehrten. Man kann nicht sagen, daß diese zeitweilige oder dauernde Einwanderung gar zu unerwünscht gewesen wäre. Eine Massenauswanderung von Ostjuden aus Rußland brach erst mit dem Beginn der Pogromepoche, 1881/82, los. Seither sind bis zum Ausbruch des Weltkrieges nach den Vereinigten Staaten allein ungefähr 2 Millionen Ostjuden eingewandert. In Deutschland dagegen war die Höchstzahl der ansässigen Ostjuden etwa 50—60 Tausend. Was soll also das Angstgeschrei von der drohenden Ueberslurung Deutschlands durch Ostjuden? Während des Krieges und seither dürfte die Zahl der Ostjuden in Deutschland allerdings Angenommen haben. Allein jeder reise Mensch weiß, daß dies eine vorübergehende Erscheinung ist, hervorgerusen durch die Ereignisse und Zustände im Osten. War Deutschland vor dem Kriege, schon nicht im entferntesten das eigentliche Wanderziel der Juden, so ist es dies nach dem Kriege aus naheliegenden Gründen erst recht nicht. S i e denken fast ausnahmslos nicht daran, sich hier dauernd n i e d e r z u l a s s e n u n d E r w e r b z n s n ch e u , den zu finden für die Eingeborenen selber so schwer und immer schwerer wird. Sie warten fast alle nur die Gelegenheit ab, nach Amerika oder nach'Palästina weiterzuwandern oder in ihre Heimat zurückzukehren, wo ihnen, sobald rjir geordnete Verhältnisse eintreten, jetzt das ganze europäische und asiatische Rußland offen steht, das dazu bestimmt 'ist, za h l r e i ch c u E i n -