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Im deutschen Reich · 1920-12-01 · Heft 12 (Dezember 1920) · p. 389

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 12 (Dezember 1920)
Article
[Ohne Titel]
Date
1920-12-01
Page
389 (sequence 12)
Language
German
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Jüdische Rundschau 889 Hefte gesehen, daß die polnische NationaldemokraLie, bislang die unumschränkte Herrscherin im Lande, mit beiden Händen die Nationalautonomie den Juden gewähren will, in der festen Absicht, sie dadurch, in absehbarer Zeit gänzlich aus dem Lande zu drängen. Aber am 21. Mai 1919 brachte das Stockholmer „jüdische" Preßbureau, also gewiß ein unverdächtiger Zeuge,' eine Depesche aus Paris, wonach Herr Sokolow auf seine Rekriminationen bei der polnischen Friedensdelegation wegen der Pogrome' die Antwort erhielt: „Sie wünschten den Krieg und nun haben Sie ihn. Sie suchten unsere nationale Einheit durch Ihre nationalen Forderungen zu stören, jetzt haben Sie das Resultat." Die Forderung der Juden nach nationaler Autonomie, Minderheitsrechten, eigener Verwaltung, Schulwesen und Gerichtsbarkeit und dem Jiddischen als zweiter Staatssprache empfanden die Polen als Störung ihrer nationalen Einheit, zumal diese Forderungen von den Zionisten während des Krieges mit lautem Geschrei und unter fortwährender Anrufung des Auslandes erhoben wurden. Die Führer der polnischen Friedensdelegation geben unverfroren zu, daß die 'Pogrome nichts als Repressalien für die „nationalen Forderungen" der Juden darstellen. Natürlich ist das nur eine Ausrede, ein^Vorwand, gleich wie für die ungarischen Pogromhelden die angeblich so übermäßige Teilnahme der dortigen Juden an der Bolschewistenherrschaft..... Ueberall glimmt der Antisemitismus mit seinen Begleiterscheinungen von Pogrom, Boykott und Entrechtung unter einer ganz dünnen Aschendecke, man braucht diese nur ein wenig zu lüften, und er lodert empor. Besonders in gefährlichen Zeiten, wie der unseren, muß größte Sorgfalt 'darauf verwendet werden, alles zu vermeiden, was die ohnehin aufgewühlten nationalen und sozialen Instinkte reizen und den Pogromfreunden den gewünschten Borwand bieten kann, die Volksleidenschaft anzustacheln und zum Ausbruch zu treiben. Wer diesen Vorwand bietet, ladet unsühnbare Schuld auf sich. Das taten die Szamuelly, Bela Kun, Varga und ihresgleichen in Ungarnaber diese Herren hatten nichts mit dem Judentum gemein, waren zum Teil längst getauft, gaben nicht vor, im Interesse des Judentums zu handeln, umgekehrt, ihr Terror wütete gegen Juden wie gegen Nichtjuden. Die jüdischen Nationalisten in Polen und, außerhalb, die durch ihre nationalen Forderungen soviel Unheil über die polnischen Juden gebracht, waren überzeugt, die besten Juden zu sein, ja allein das Recht zu haben, sich Juden zu nennen, sie waren überzeugt, im höchsten Interesse des Judentums und des jüdischen Volkes zu handeln, — und ahnten nicht, daß sie nur ein Werkzeug in fremden Händen waren. Das ist das Traurige und Schmerzliche daran. Wenn die Zionisten in Polen und überall seit Kriegsausbruch unablässig in allen Tonarten den Polen zuriefen: die Juden stehen unter erich da als eine völlig fremde Nation, nicht nur durch das Bekenntnis, sondern noch mehr durch Sprache, Kultur, Sitte, Tradition, wirtschaftliche Interessen von euch geschieden, und wir verlangen eine nationalpolitische Sonderorganisation, die diese Scheidung sichtbar macht und verewigt und den Juden überdies ermöglicht, jedesmal das Ausland gegen euch anzurufen; wenn die jüdischen Nationalisten im Warschauer Stadtrat, während dieser über die neuerrungene Freiheit in Wonne schwamm, nichts Eiligeres zu -tun hatten, als feierlich zu erklären: „Bir haben mit eurer Nation und Kultur ebensowenig etwas gemein, wie die jüdische Religion mit dem Katholizismus", —so war das alles nicht geeignet, den seit Jahren furchtbar aufgestachelten Judenhaß zu beschwichtigen und die lauernde Pogromfucht zu entwaffnen. Das Schmerzliche daran ist, daß. die jüdischen Massen, die jetzt so schrecklich für die Sünden ihrer Führer büßen, keine Ahnung hatten, was die nationale Autonomie mitsamt der anderen nationalen Forderung bedeutete, sie unterlagen bloß dem unablässigen

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