Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1920)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1920-12-01
- Page
- 387 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316900-2316911--31635-2358173- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdische Rundschau 587 merzienrat!" — „Oh, ich hin Geheimer Kommerzienrat!" — „So, dann, bitte, nehmen Sie sich zwei Stühle, Herr Geheimer Kommerzienrat!" Wir können nicht aus zwei Stühlen sitzen, aber wir könnten zwischen zwei Stühlen zu sitzen kommen. So völlig bedeutungslos nämlich dies ganze Spiel mit der jüdischen Nationalität und der Nationalautonomie für Staaten mit einheitlicher Bevölkerung wie Deutschland ist, so bedeutsam ist es für Länder mit mehreren Nationalitäten. Seitdem die Juden emanzipiert und in das Getriebe des wirtschaftlichen und politischen Lebens hineingezogen wurden, haben sie in solchen Ländern, wie es nicht anders sein konnte, sich am stärksten von derjenigen. Nationalität angezogen gefühlt, die am frühesten eine städtische Kultur und bürgerlich-politische Ideen entwickelt hatte. Sie nahmen Sprache, Kultur und Sitte dieser Nationalität an, und alsbald verband sie mit ihr auch eine enge politische Interessengemeinschaft. Das war z. B. irr Posen und Böhmen die deutsche, in Galizien die polnische, in Ungarrr die magyarische Nationalität.. (Die deutsche Sprache und Literatur hatte übrigens aus die Juden in Mittel- und Osteuropa schon früher, besonders seit Mendelssohn, einen starken Einfluß.) Mit den kleinbäuerlichen Nationalitäten in Ungarn, mit den ebenso kleinbäuerlichen Ruthenen in Galizien, den Tschechen in Böhmen, mit den polnischen Kleinbauern und stolzen Großgrundbesitzern in Posen konnte der städtische bürgerliche Jude sehr wenig gemein haben; die Kleinbauern waren überdies vorwiegend Analphabeten, ihr Geistesleben war unentwickelt und bot ihm nichts.*) Je mehr nun diese Nationalitäten im Laufe des 19. Jahrhunderts zum nationalen Eigenleben erwachten und ihre politischen Aspirationen wuchsen, um so drückender empfanden sie es, daß die Juden in der Politik mit den-anderen, höherstehenden Nationalitäten gingen. Das Schlagwort von der „jüdischen Nationalität" und nationaler Autonomie war ihnen aüfff höchste willkommen, da es dre Juden aus der politischen Gemeinschaft mit den herrschenden Nationalitäten loszulösen lund diese dadurch tzu schwächen geeignet war. Darum waren z. B. die Ruthenen in Galizien die eifrigsten Anhänger und Verfechter der jüdischen „nationalen Idee", wahrend^die galizischen Polen sie förmlich als Hochverrat, als feindliches, zersetzendes Prinzip behandelten. Solange es in Ungarn 10—12 Millionen uichtmagyarischer Bürger gab, wäre es keinem Magyaren eingefallen, die Juden als Nationalität anzusehen, heute, da Ungarn alle Gebiete mit anderssprachigen Nationalitäten verloren hat, ist es geradezu ein Programmpunkt der wütendsten Antisemiten, daß die Juden als gesonderte Nationalität konstituiert werden, mit gesonderten Schulen usw., während die Rumänen in den von ihnen okkupierten Gebieten alle Juden, die sich zur ungarischen Nationalität bekennen und von ihr nicht lassen wollen, aufs blutigste verfolgen. Dieselben Polen, die den jüdischen Nationalismus Ul Galizien als Hochverrat behandelten und in der Forderung nach Nationalautonomie einen feindlichen Anschlag auf die polnische Nation sahen, bieten jetzt! den Juden in Posen weitestgehende Nationalautonomie sogar mit eigener Gerichtsbarkeit an — nur um sie aus dem Zusammenhang mit den Deutschen herauszulocken. Sollte es ihnen gelingen, die Deutschen aus dem Lande hinauszugraulen, so werden sie ein anderes Lied pfeifen. *) Die gewaltig fortschreitende Kultureniwicklung der Tschechen bewirkte übrigens in den letzten Jahrzehnten, daß die Juden in rein tschechischen Gegenden sich Lschechisierten. In einem noch rascheren Tempo verfielen übrigens deutsch e Minderheiten in solcher Lage der Tschechisterung. — Einen ähnlichen Prozeß konnte man auch in Ostgalizien beobachten, wo in den letzten Jahren vor dem Kriege die Zahl der Ukrainer jüdischen Glaubens erheblich anwuchs.