Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1920)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1920-12-01
- Page
- 386 (sequence 9)
- Language
- German
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886 Im deutschen' Reich kein konstituierendes Merkmal einer besonderen Nationalität bilden. Aeöerdies hat ein sehr großer Teil der gebildeten Oberschicht und der jüngeren Generation düs „Jiddische" längst mit den diversen Landessprachen vertauscht. Das gilt besonders für die Tschechoslowakei, von den Ländern deutscher Zunge ganz zu schweigen. Da dies aber sogar für Rußland in einem sehr hohen Grade gilt, so haben die russischen Zionisten auf der 7. Konferenz in Petersburg (vgl. „Jüdische Rundschau" 1917, Nr. 32) das sogenannte „negative Erklärungsprinzip" als eine der „nationalpolitischen Forderungen" ausgestellt, und damit bei der gesamten Partei Zustimmung gefunden. Dieses Prinzip lautet: „Zur jüdischen Nationalität gehört jeder Jude, der seinen Austritt aus dem Judentum nicht anmeldet und keiner anderen Konfession angehört." Aus dieser hochdiplomatischen Sprache ins Menschlich-Verständliche übersetzt,heißt das: zur jüdischen „Nationalität" gehört jeder Jude, der zur jüdischen Konfession gehört. Es Bleibt also alles beim alten. Das war nämlich seit Jahrhunderten so. Das ist der Standpunkt des Schulchan-Aruch, der ausdrücklich bestimmt, daß jeder Jude, der nicht durch einen formalen, rechtsgültigen Akt seinen Austritt aus der jüdischen Religionsgemeinschaft: öffentlich kundgetan hat, als Jude betrachtet werden muß, selbst wenn er sämtliche Gebote und Verbote des Schulchan-Aruch. Übertritt. In diesem Falle werden ihn die frommen als schlechten Juden betrachten, und die einen um seine Besserung beten, die anderen ihn in den Bann tun, je nach ihrem Temperament. Aber er ist und bleibt Jude, sämtliche Erzväter, Moses und Elias, alle Propheten, alle Thannaiten und Amoräer, Maimun.und R. Josef Kars, Jfserls und sämtliche Rabbiner zusammengenommen find Ohnmächtig, ihm seinen Platz innerhalb der jüdischen Gemeinschaft abzustreitem Und wenn er eine einzige Mizwah vollbringt undeine Minute in aufrichtiger Buße und Zerknirschung verweilt, nimmt Gott ihn aus und er ist allen jenen Großen in Israel gleichgestellt. Selbstverständlich wird er seine Sünden im Jenseits abbüßen, aber das hat er mit dem ewigen Richter allein auszumachen, und kein Sterblicher darf sich da hineinmifchen.... Es bleibt also, wie gesagt, alles beim alten, wir ändern bloß die Firma. Im innersten Wesen sind wir weiterhin, was wir seit dem Verlust unserer staatlichen Selbständigkeit im Lande der Väter waren: eine religiöse Gemeinschaft, aber vor der Welt treten wir in dem allermodernsten Kostüm aus, als Nationalität. Wir stolzieren in einer neuen Kappe einher und rÄren den Leuten ein, daß wir ganz was anderes sind. „Die ganze Stadt-habe ich heute irregeführt," sagt der Narr in der jüdischen Anekdote. „Ging ich da aus der Synagoge nach Hause und hatte ein Machsor bei mir, aber allen, denen ich begegnete, sagte ich, es sei ein Siddur." Indessen rst diese Firmenänderung im Hinblick auf die unausweichlichen Folgen für das Innenleben der jüdischen Gemeinschaft durchaus nicht so harmlos, doch das, gehört aus ein anderes Blatt und soll in besonderem Zusammenhänge behandelt werden. Dem Staat aber ist das völlig einerlei, ob wir uns, mit der Benennung einer Religionsgenossenschaft begnügen oder auf den Titel einer Nationalität Anspruch erheben. Er 'kann uns im ersteren Falle ohne Rechtsbruch nichts von unserem Verfassungsmäßigen Rechte nehmen, und im letzteren Falle nicht ein Iota hinzufügen. Es ist ihm in dieser Beziehung gleichgültig, ob wir uns Staatsbürger jüdischen Glaubens oder Staatsbürger jüdischer Nationalität nennen. Auch unsere christlichen Mitbürger brauchen sich nicht im geringsten darum zu kümmern, daß wir ein neues Schild ausgehängt haben. Unser neuer Titel braucht sie nicht zu beunruhigen, denn er ist völlig ohne Mitte!. — Beim alten Frankfurter Rothschild erschien einmal ein Geschäftsfreund zu Besuch: „Bitte, nehmen Sie sich einen Stuhl, Herr Kom-