Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1920)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1920-12-01
- Page
- 384 (sequence 7)
- Language
- German
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384 3pt deutschen Reich übertragen wurden; ihre größten Maler und Bildhauer find nicht müde geworden, die Heldengestalten unserer Geschichte und Sage zu verklären und zu verewigen. Ihre Tonsetzer haben zu Texten und Begebenheiten unserer Stammesgeschichte die herrlichsten Gesänge gedichtet. Ihre-Baumeister habenzur Anbetung des Gottes Israels die wundervollsten Tempel aufgeführt. Der umwälzende Einfluß, den Judäa auf Europa ausgeübt hat und auszuüben'sortfahren wird, ist in Umfang und Tiefe gar nicht zu ermessen. Und dieser Fall von Assimilation lehrt uns, daß jeder Kampf gegen diesen Prozeß aussichtslos ist. Wenn nämlich große und mächtige, staatenbildende Nationen dem geistigen Einfluß eines kleinen, staats- .und weltpolitisch völlig bedeutungslosen Völkchens in einem verlorenen Winkel Vorderasiens so total erliegen konnten, obgleich sie die zerstreuten und heimatlosen Söhne dieses Völkchens in tiefster Erniedrigung täglich vor Augen hatten, wie sollte sich eben dieses Völkchen des geistigen Einflusses jener großen, mächtigen und glücklichen Nationen erwehren? Indessen haben beide Parteien diesen unabwendbaren Prozeß durchaus nicht tragisch empfunden. Im Gegenteil. Die Völker Europas eigneten sich das Köstlichste an, was unser Geist geschaffen! hatte: unsere religiöse Kultur, wir nahmen das beste ihrer geistigen Besitztümer an: ihre Profankultur. Wir sind beide nicht schlimm dabei gefahren. Wir Juden sind auch nicht geistig ärmer geworden, als wir von Arabern den wissenschaftlichen Betrieb der Sprachstudien und neue Formen des poetischen Schaffens lernten, auch nicht, als wir durch ihre Vermittelung mit der antiken Wissenschaft und Philosophie der Griechen bekannt wurden. Wir können höchstens bedauern, daß diese Bekanntschaft nicht um 1000 oder 1200 Jahre früher gemacht wurde, und daß wir diese fremdnationale Kultur nicht aus erster Quelle geschöpft hatten. Sollte uns das nicht eher eine Lehre sein, mit der Aneignung fremdnationaler Kulturen nicht zu warten, bis diese aus zweiter Land, abgeschwächt und verwässert, zu uns gelangen? Assimilation ist also ein kulturgeschichtlicher Prozeß zwischen den Völkern, er beruht auf gegenseitigem Geben und Nehmen, es kommt nur darauf an, daß jede Partei etwas zum Geben hat und die Fähigkeit besitzt, das Empfangene innerlich zu verarbeiten, zum Gedeihen des eigenen Organismus zu verwerten. Daß bei solchen komplizierten Prozeßen auch trübselige Erscheinungen mit unterlaufen, ist angesichts der Unvollkommenheit aller menschlichen Dinge unvermeidlich. Oftmals entleihen die Völker einander nicht ihre Vorzüge; und Tugenden, sondern, wie schon der Talmud bemerkt, ihre Laster und Unarten. Oftmals wird auch das wertvolle Gut des anderen nur oberflächlich nachgeahmt, nicht organisch assimiliert; was dort das innere Wachstum fördert, kann darum hierzum zersetzenden Element werden. Daß all diese Wißstände vermieden werden, ist die Aufgabe und die hehre Pflicht der kulturell führenden Gruppen und Persönlichkeiten, die diesen, wie jeden anderen unvermeidlichen Lebensprozetz der Völkerwelt in gesunden Bahnen zu erhalten bemüht sein müssen. Da es sich also um einen unvermeidlichen inhärenten Lebensprozeß handelt, so ist klar, daß es dem Völkerbund nicht gelingen wird, uns mittels der nationalen Heimstätte in Palästina und der nationalen Autonomie im Golus von.der Assimilaton „fremdnationaler Kultur" abzusperren. Wenn nun die nationale Autonomie uns keinen Schutz gegen Pogrom und Boykott,, keinen gegen Assimilation gewährt, was gewährt sie uns sonst? In unzähligen Artikeln, Broschüren, Reden und Beschlüssen öffentlicher Versammlungen wurde sie gefordert, immer wiederholte man: „Wir verlangen Selbstverwaltung auf kulturellem Gebiete, besonders im Schulwesen." Nun, Selbstverwaltung auf kulturellem Gebiete, die haben wir ja längst,- hatten sie sogar im zarischen Rußland in ziemlich ausgedehntem Matze. Ueberall gibt es längst autonome jüdische Gemeinden mit weitgehenden -'Korporationsrechten, die eine große Anzahl mitunter herrlicher