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Im deutschen Reich · 1920-12-01 · Heft 12 (Dezember 1920) · p. 383

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 12 (Dezember 1920)
Article
[Ohne Titel]
Date
1920-12-01
Page
383 (sequence 6)
Language
German
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Jüdische Rundschau 383 Strom der Assimilation überflutet wird, zumal alle die drei genannten „sremdmatiLnalen Kulturen" auf die Juden seit jeher eine unheimliche Anziehungskraft ausgeübt haben? Wenn nun-sogar im national horae, diesem Bollwerk der jüdischen Nation, die Sicherung gegen die verwünschte Assimilation so schwach ist, um wieviel schwächer dürfte sie in den Go lusländern sein unter dem Schutze der nationalen Autonomie, 'in der gefährlichen unmittelbaren Nahe jener unseligen fremd nation alerr Kulturen?- f Es ist in der Tat zum Verzweifeln, da, wie man sieht, es kein Entrinnen gibt vor diesem Moloch der Assimilation, die uns mit der Vernichtung bedroht. Es -fällt uns ein Stein vom Herzen, wenn wir bedenken, daß dieser völkermordende Drache, Gott sei Dank, seit nahezu dritthalb Jahrtausenden über uns schwebt, und wir immer noch das Licht der Sonne sehen. Wir haben uns mit ki-hm befreundet, .und er hat offenbar die Absicht aufgegeben, uns zu verschlingen. Es gibt sogar Ketzer, die versichern, Assimilation sei der Haupttriebsaden der kulturellen Entwicklung der Welt, und ein Volk, das aus 'diesem Prozeß hinausfällt, müsse mit der Zeit erstarren, verknöchern, hinter den anderen Zurückbleiben und schließlich untergehen. Das nachrepublikanische Rom hat sich dem unterworfenen, zerschmetterten Griechenland so tief assimiliert, daß sein ganzes Geistesleben und bei einigen seiner größten Männer sogar die Sprache griechisch wurde. Im Zeitalter der Renaissance assimilierten sich die geistig schöpferischen Schichten und Persönlichkeiten mit dem längst abgestorbenen Hellenentum derart, daß sie ihr ganzes Leben und Arbeiten als eine Wiedergeburt der Antike empfanden, die größten Männer graecisierten sogar ihre Namen, ganz wie es die heutigen jüdischen „Assimilanten" machen, die „gojische" Vornamen tragen.. Im Zeitalter des Humanismus waren Schiller und Goethe derart mit dem Griechentum assimiliert, daß Sophokles z. B. Goethes „Iphigenie" zweifellos für das Werk eines griechischen Zeitgenossen halten würde, der aber sehr hoch über das perikleische Zeitalter hinausgewachsen sei. Winckelmann und W. von Humboldt wurden förmlich als Deutsch schreibende Griechen bezeichnet. Wilhelms Bruder Alexander war wiederum mit den Franzosen so sehr assimiliert, daß er den größten Teil seiner freien Zeit in Paris zubrachte, französische Kunst und 'Wissenschaft .freigebig unterstützte und bei jedem seiner Werks überlegte, ob er es in deutscher oder in französischer Sprache Herausgeber. sollte. Daß etwa Herder, einer der hauptsächlichsten Schöpfer des deutschen Nationalgeistes und der neuen deutschen Literatur, ein Feind „fremdnationaler Kultur" war, wird schwer sein zu behaupten. Einen bedeutsamen Fall von Assimilation, vielleicht den größten und folgenschwersten der Weltgeschichte, muß man hier nennen: die Ausbreitung des Christentums über die ganze europäische Welt. Wenn man bedenkt, daß alle diese Völker ihre uralten Götter, die meist ihre Stammesheroen und -Väter waren, abgeschafft und sich zu dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und zu dem, den sie als seinen Sohn betrachteten, bekannt haben (Nietzsche sagt: „sie beten zwei Juden und eine Jüdin an")', wenn man bedenkt, daß sie die ganze jüdische Stammes- und National-, geschichte, die gesamte altjüdische Nationalliteratur (das Alte Testament) zur Grundlage ihrer Religion, die zehrt Gebote zum tzauptprinzip ihrer sittlichen Lehren und Forderungen, unsere Psalmen zu ihrem allgemeinen Gebetbuch gemacht, unseren Ruhetag und unseren Festezyklus angenommen haben, so muß man sagen, daß sie sich mit uns in einem viel höheren Grade assimiliert haben, a l s w i r mit i h n e n. Unsere heiligen Bücher waren die ersten, die in die Sprache der Germanen

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