Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1920)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1920-12-01
- Page
- 382 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316900-2316911--31630-2358168- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
382 Im deutschen Reich es vollkommen! der damaligen deutschen Sprache, nur die steigende Ausschließung der Juden aus dem allgemeinen Leben gab später seiner Entwicklung eine besondere -Richtung, und' rt-och heute birgt es kostbare Schatze alt- und mittelhochdeutschen Sprachgutes. Gelänge es dem Völkerbund,- uns in allen Ländern eine unserer Umwelt völlig fremde Sprache einzupflanzen und uns von dieser Umwelt durch mittelalterliche Ghettomauern zu trennen, wird er uns davor' schützen, demselben tragischen Schicksal zu unterliegen wie unsere Vorfahren, und allmählich die Sprache der Umwelt anzunehmen? Das ist nämlich ein unentrinnbares allgemeines historisches Gesetz, wonach eine Minderheit 'die Sprache der Mehrheit annimmt, unter der sie zerstreut ist, mit der sie in fortwährendem Verkehr und w i r t s ch a f t l i ch e r G e m e i n w i r t s ch a f i lebt. Diesem Gesetz unterlagen schließlich die seit dem 12. Jahrhundert nach Polen eingew änderten Deutschen, trotz ihrer kulturellen Ueberlegenheit und ihrer großen Zahl, von den andern Völkerschaften (Griechen- Armeniern, Tataren, Italienern) ganz zu schweigen, diesem^ Schicksal unterlagen die Reffugiös in Deutschland und die vom Großen Kurfürsten ins Land gerufenen Holländer, es unterliegen ihm alle europäischen Sprachgemeinschaften in den Vereinigten Staaten. Nur ein gesondertes, zusammenhängendes Wirtschaftsgebiet kann die Sprache einer Volksgemeinschaft schützen. Aber selbst eine vollkommen unabhängige und mächtige Staatlichkeit kann ein Volk nicht Zimmer vor der „fremdnationalen Kultur" bewahren. Noch im 18. Jahrhundert war fast ganz Mittel- und Osteuropa in seinen führenden Schichten, den eigentlichen Trägern höheren Geisteslebens, durchaus französiert. Der große Preußenkönig, Schöpfer des mächtigsten deutschen Staatswesens neuerer Geschichte, war im Denken, in Geschmack und Anschauung^ durch und durch Franzose. Es besteht daher leider die große Gefahr, daß wir sogar in unserem eignen national iome, wenn wir uns dorthin glücklich vor der verruchten Assimilation geflüchtet haben, vor dem Eindringen der „fremd-nationalen Kultur" nicht sicher sein werdend Diese Gefahr erscheint um so bedrohlicher, als dies schon einmal der Fall gewesen ist. Nämlich im dritten vorchristlichen Jahrhundert wurde die hebräische Sprache in ihrer eignen Urheimat aus dem Munde ihres Volkes verdrängt, welches sich nach einem unvergleichlichen nationalen Aufschwung in mehr als hundertjähriger Anstrengung ein Staatswesen im Lande der Väter wieder aufgebaut hatte, das zwar von bescheidenem Umfang, doch befestigter und gesicherter war, als das heutige national home jemals sein kann; verdrängt nicht von der Sprache der Fremdstämmigen im Lande, die hier nur in. verschwindend geringer Anzahl wohnten und keinen Einfluß hatten, sondern von dem aus der Ferne kommenden Aramäische n, das ungleich weniger klangvoll und formreich und an literarischem Besitz völlig arm war. Den starken späteren Einfluß der hellenistischen Kultur bekunden die ungefähr 3000 griechisch-römischen Lehnwörter in der talmudisch-midraschischen Sprache, und die zahllosen Spuren im bürgerlichen und kulturellen, ja im eigentlichen höheren Seelenleben! der damaligen palästinensischen Juden. Und in unserer Zeit des so intensiven Weltverkehrs, der gegenseitigen wirtschaftlichen und kulturellen Durchdringung der Völker, wie soll da die Judenheit in denr künftigen national home vor dem zersetzenden Einfluß der „fvemdnationalerv Kultur" geschützt bleiben, während sie 600 000 Araber von überhitztem nationalen Chauvinismus im Lande zu wohnen hat, von 30 Millionen weiteren Arabern eng umschlossen ist und beschattet wird von zwei übermächtigen, miteinander wetteifernden Weltkulturen, der französischen und englischen? Besteht da nicht die Gefahr, daß die neue Judenheit im palästinensischen national liome von einem neuen, dreifach verstärkten