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Im deutschen Reich · 1920-12-01 · Heft 12 (Dezember 1920) · p. 371

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 12 (Dezember 1920)
Article
Wandersturm
Date
1920-12-01
Page
371 (sequence 7)
Language
German
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Wandersturm 371 Juden verlassen und sind nach dem „Barbarenstaate" Deutschland übergesiedelt. Der Posener Volksratstraum ist — selbst wenn ein solches Gebilde offiziell noch existiert — in der Praxis zerronnen, und alles ist gekommen, wie es prophezeit wurde?) So lange ist fraglos ein Ausgleich unmöglich, wie der Begriff der nationalen Autonomie herumspukt, der bei seiner Durchführung praktisch schließlich die Entrechtung der Juden bedeutet, wohingegen der Schutz, den die Anrufung des Völkerbundes gewähren soll, recht problematisch ist. Ist sie aber ausgemerzt, so ist gar nicht Zu bezweifeln, daß es der überlegenen, oft bewunderten SLaatskunft der Entente ohne allzu große Schwierigkeit gelingen muß, einen modus vivendi zu schaffen, der dem Juden die freie Ausübung des Glaubens ermöglicht, ihn wirtschaftlich von Ausnahmestellung und Boykott befreit, den Polen aber, der nun einmal der Herr des Landes ist, in seiner Empfindlichkeit schont. Und selbst wenn dieser Ausgleich nur mit dem Verstände aus Gründew des Rechtsprinzips und nicht mit dem Herzen geschlossen würde, so hat es nichts zu sagen. Denn auch die französische Revolution hat die Juden lediglich dem politischen Dogma zuliebe emanzipiert, und nicht weil man sie schätzte und liebte. Dennoch aber wurde dieser Ausgleich Grundlage eines für die Juden zufriedenstellenden Lebens, und ein Gleiches ist auch in Polen möglich. Nur ein ernster Wille muß auf seiten der Entente vorhanden sein, und die kühle Politik muß ein klein wenig der Menschlichkeit Platz machen. Man muß sich zu der Ueberzeugung durchgerungen haben, daß ein wirklicher Ausweg aus aller Not nur in dem Ausgleich im eigenen Lande besteht, so daß dann aus unserem Vaterlande ein gut Teil der Wanderung zurück nach dem Osten gehen würde. Und wer die Seele d^ Ostjuden kennt, wer da weiß, wie entsetzlich schwer er sich von seinem Städtchen in der Heimat losgerissen hat, wird hierin nichts Seltsames finden. Alles andere ist, so vortrefflich es im Einzelfalle fein mag, weit entfernt von einer wahren Lösung. Palästina ist ein Tropfen auf dem heißen Stein, und die Auswanderung nach Amerika und England muß sich ‘— von den hohen Kosten ganz abgesehen — ganz mechanisch selber immer mehr erschweren. Wir deutschen Juden können freilich nur die Diagnose stellen und das Heilmittel benennen. Verfertigen können wir es nicht. Wir werden gewiß nach wie vor aus liebevollem Herzen, soweit nur irgend unsere Kraft reicht, unsere Pflicht gegen unsere unglücklichen Brüder tun, die das Schicksal aus dem Osten Zu uns verschlagen hat. Wir vermögen aber darüber hinaus nur immer wieder und wieder an das Gewissen, au das gute Herz und den Verstand der Juden in den Ententeländern Zu appellieren, wir vermögen nur das Gewissen der Ententeregierungen auf diesem Umweg zu schärfen, auf daß sie als die jetzigen Träger der Macht sich ihrer fittlichen Pflicht bewußt werden und in derOftjudenfrage statt von der Politik sich von Menschlichkeit leiten lassen! Wir sind nicht übermäßig optimistisch, der Versuch aber muß gemacht *) Vgl. K. C.-Blätter 9. Jahrgang (Januar-Februar 1919) Seite 17.

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