Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1920)
- Article
- Wandersturm
- Date
- 1920-12-01
- Page
- 372 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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372 Im deutschen Reich werden, weil jeder historisch Geschulte weiß, daß es keine andere Rettung gibt. Und je schneller man sich auf den Boden der Tatsachen stellt, je energischer man den Quell des Wanderelends. zu verstopfen versucht, desto eher ist die Aussicht auf einen für beide Teile erträglichen Ausgleich gegeben. Zeitscha« Wen» man einen Maßstab für die außerordentliche Bedeutung des antisemitischen Problems suchen wollte, so wäre er darin gefunden, daß heute die Erörterungen der Dinge, die mit ihm im Zusammenhang stehen, einen breiten Rahmen in der großen Presse einnehmen. Es sind hier nicht die Darstellungen antisemitischer Ausschreitungen oder die Zusammenhäufungen antisemitischer Beschuldigungen gemeint, sondern es wird gedacht an die mehr oder minder leidenschaftslosen Ausführungen, die sich mit dem Judentum und seinem Wesen überhaupt befassen. Daß derartige Erörterungen heute häufig sind — nicht etwa in der Presse, die man gemeiniglich, aber fälschlich als die „jüdische" bezeichnet, sondern gerade in den Blättern, die anerkanntermaßen von jüdischem Einfluß reitt sind —, beweist zur Evidenz, wie sehr man sich doch in weiten Kreisen des Volkes mit Fragen dieser Art beschäftigt. Das ist an sich erfreulich,, denn jede derartige Erörterung muß etwas von der Unkenntnis nehmen, die wir unbedingt als die Ursache und das Fundament allen Judenhasses bezeichnen. Es sei damit nicht gesagt, daß etwa jene Veröffentlichungen alle den Anspruch aus vollkommene ObjektMtät erheben, es sei auch nicht gesagt, daß sich die Juden in ihrer Gesamtheit oder auch nur ein geschlossener Teil von ihnen mit diesen Ausführungen tu toto befreunden können. Das scheint auch nicht nötig zu sein. Das wesentliche Ergebnis jedoch ist, daß man über die inneren Regungen des Judentums aufgeklärt wird. Ist schon das Judentum als solches neun Zehnteln der Nichtjuden unbekannt, so ist die Zahl derer unter den Andersgläubigen, die einmal einen Blick in das innere Leben des Judentums getan haben, ganz außerordentlich gering. Wer weiß etwas von den geistigen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Richtungen, den. verschiedenen religiösen und politischen Richtungen der Juden, wer weiß etwas von den seelischen Konflikten, die sich in jedem einzelnen Juden abwickeln und die heraUfbeschworen sind durch die Eigenart der Entwicklung, die er und sein Geschlecht durchgemacht hat, Das Verständnis dieser Dinge, die die Kompliziertheit des jüdischen Seins bedingen, ist aber notwendig. Um Juden und Judentum kennenzulernen.