Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1920)
- Article
- Wandersturm
- Date
- 1920-12-01
- Page
- 369 (sequence 5)
- Language
- German
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Wandersturm 869 blicke, da die Bolschewistenherrschaft zusammenbricht und vielleicht die Reaktion von rechts die Regierung übernimmt, die Judenfrage in furchtbarer. Gestalt aufflammen wird, versichern aber alle Kenner des Landes, so daß dann dasselbe gelten wird wie für die Nachbarstaaten. Auswanderung wird aber nirgends eineradikaleHilfebringen. Die Ostjudenfrage muß schließlich, trotz aller gewiß freudig zu begrüßenden Auswanderungsbestrebungen, schon wegen der Zahl der zu Versorgenden im Niederlassungslande gelöst werden. Hierzu aber könnte gerade im gegenwärtigen Augenblicke mehr denn je die Entente helfen, und die Juden in den Ententeländern werden eine furchtbare moralische Schuld auf sich laden, wenn sie es verabsäumen, im Interesse der Menschlichkeit und des Rechts gerade jetzt auf ihre Regierungen einzuwirken, da diese tatsächlich auf der Höhe ihrer Macht sind, während Polen, Tschechien und Ungarn von ihnen auf Gnade und Barmherzigkeit abhängig, ihrer moralischen Einwirkung demnach zugänglich sind. Es wäre wohl kaum im Interesse der Juden, wenn die Ententedazu veranlaßt würde, sie auf dem Wege der Gewalt zu schützen. Es hätte keinen Sinn, Juden und Polen noch über die heute bestehende Kluft hinaus in einen Gegensatz zu treiben, der überhaupt nicht mehr überbrückt werden kann! Daß aber zunächst einmal der fast geschäftsmäßige Pogrombetrieb — ein anderes Wort läßt sich leider nicht gebrauchen — verschwinden würde, wenn sich die Entente freundschaftlich mit ihren Schützlingen darüber auseinandersetzte, ist klar- Was hat sie bisher getan? Sie hat, nachdem sie durch ihre Palästinapolitik das Wohlwollen der Juden verdient zu haben glaubte, ruhig zugesehen, wenn in Lemberg, in ganz Polen und in Ungarn dieJuden zu Hunderttausenden ermordet, ihres Eigentums beraubt, verstümmelt und ihnen die Existenz genommen wurde. Sie hat ruhig in Ungarn die Schmach des numerus elsusus für Hochschulen einrichten lassen, hat nichts dagegen, wenn in Prag altehrwürdige Heiligtümer der jüdischen Religion geschändet werden. Fühlen sich nicht diese neuentstandenen Staaten bei ihren Schandtaten ermutigt, wenn sie — vielleicht zu ihrem eigenen Staunen — sehen, daß die Vertreter der Zivilisation, der Kultur, des Rechts und aller sonstigen Tugenden gegen Judenpogrome anscheinend nichts einwenden? Nicht einmal zu papiernen Protesten hat man sich aufgerafft, und die Tätigkeit der verschiedenen Untersuchungskommifsionen läßt sich — trotz ihrer traurigen Aufgabe — nur vom satirischen Standpunkte aus charakterisieren. Polen und Ungarn lachen jedenfalls genügend über sie. In Ungarn ging die furchtbare Antisemitenherrschaft, der Terror der „weißen" Horden, genau in dem Augenblicke los, da die Entente Einfluß erlangte. Man kann nicht bestreiten, daß von einer friedlichen Einwirkung viel erwartet werden könnte, sobald eben die Entente den ernsten Willen hat. Es müßte ein leichtes sein, die Pogrome zu unterdrücken, ohne daß Polen in die Rolle des Gedemütigten käme, ohne daß der Jude als Ankläger sich den Beachtet die Anzeige: Philo Verlagl