Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1920)
- Article
- Wandersturm
- Date
- 1920-12-01
- Page
- 368 (sequence 4)
- Language
- German
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863 Im deutschen Reich kennenlernte, die von Nationalismus im Sinne der deutschen Theoretiker nichts wissen wollen und nur zu deutlich verraten, daß die Auswanderung nach Palästina vornehmlich darum genehm ist, weil sie , den Zufluß nach Amerika vermindert. Man kann verstehen, wie solche Meinung sich bildet, denn auch jenseits des großen Wassers hat man seine Judensorgen. Mit scheelen Augen sehen die Gewerkschaften auf die Lohndrückerei der neu aukommenden Arbeiterscharen, und die Ansammlung großer Judenmassen, insbesondere in New Jork, begünstigt — wenn auch ganz ungerechtfertigterweise — aus verschiedenen Gründen das Auskommen des Antisemitismus mit unfehlbarer Sicherheit. Immerhin sind die Verhältnisse in Amerika, aber auch in England, verglichen mit denen unseres Vaterlandes, noch geradezu glänzend zu nennen. Der Sättigungsgrad für die Aufnahme von osteuropäischen und somit auch jüdischen Einwanderern ist, zumal in den Vereinigten Staaten, noch längst nicht erreicht. Soll die Lösung in der^ Auswanderung bestehen, so sind die siegreichen Länder noch imstande, Hunderttausende und wieder Hunderttausende aufzunehwen und zu beschäftigen, sie zu nützlichen Gliedern ihres ausblühenden Wirtschastskörpers umzugestalten. Hier kann die Entente beweisen, ob ihre Liebe zu den Juden echt ist oder ob sie, wie man bei uns in Deutschland behauptet, lediglich das Produkt einer sehr kühl rechnenden Politik ist. Hier haben auch die amerikanischen und englischen Juden die Gelegenheit, zu beweisen, daß ihr Verhältnis zu den ostjüdischen Brüdern mehr ist als eine platonische Liebe, die nichts kostet und zu nichts verpflichtet. In Wahrheit aber — und das kann nicht früh und nicht scharf genug betont werden — wird die Auswanderung höchstens ein Hilfsmittel zur Linderung der Nöte fein, die Befreiung bedeutet sie aber nicht. Das große Judenproblem des Ostens kann schließlich nur im Niederlassungslande selber gelöst werden, und es wäre gut, wenn man möglichst bald sich von dieser Selbstverständlichkeit überzeugte und demgemäß feine Politik einrichtete. Wir leben nicht mehr im Zeitalter der Völkerverschiebungen, und schon aus technischen Gründen verbietet sich ein wirkliches buchstäbliches „Wandern" §er großen Masse. ^Die Erde ist zudem verteilt, und überall erregen neu zuziehende Scharen Schwierigkeiten. Sechs Millionen Menschen lassen sich nicht so leicht von einem Lande über das Meer in das andere überführen, und selbst die Auswanderung von Bruchteilen verursacht so ungeheuerliche Kosten, daß man schon aus diesem Grunde in einer Zeit allgemeiner Teuerung und Verarmung von solchen Plänen Abstand nehmen mutz. Man wird schließlich, so schwer es seelisch fällt, zu der Ueberzeugung gelangen müssen, daß die Ostjudenfrage auf dem Boden der einzelnen Länder selbst gelöst werden muß, in Polen, in Ungarn, in der Tschechei und in den Gebieten Südrußlands, wo die mit der Entente mehr oder weniger eng verbündeten Räuberbanden hausen. Imeigentlichen Rußland soll, wenn man den freilich spärlichen Berichten trauen darf, theoretisch die Gleichstellung. erfolgt und praktisch die Entstehung von Pogromen ausgeschlossen sein. Daß dort in dem Augen-