Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1920)
- Article
- Wandersturm
- Date
- 1920-12-01
- Page
- 367 (sequence 3)
- Language
- German
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Wandersturm 867 die Juden des Ostens hier gar nicht bleiben wollen, daß sie alle so schnell wie irgend möglich den auch für sie unbehaglichen Zuständen entfliehen möchten, weiß noch nicht jeder, wahr ist es aber darum doch! Fraglos sind es also nur Uebergangsprobleme, die uns heute Dorge machen, aber auch ihre Lösung übersteigt leider Menschenkraft. Wohin mit den Judenmassen des Ostens, wohin die durch den Wandersturm Aufgescheuchten lenken? In erster Reihe ertönt zumal bei den Betroffenen das Wort Palästina, und es ist geradezu rührend zu beobachten, welches unendliche Vertrauen die Aermsten der Armen auf das Heilige Land setzen. Briefe aus Polen und Galizien wissen immer wieder zu melden, daß ganze Gemeinden zum Aufbruch bereit des Zauberwortes harren/ das ihnen das Land der Sehnsucht eröffnet. Die Männer, die mit viel Idealismus und wenig praktischem Verstände diese Hoffnungen großgezogen haben, sind sich heute vielleicht ihrer Verantwortung noch "nicht bewußt. Wir wollen hier nicht polemisieren, sondern ohne weiteres als wahr unterstellen, daß die nationaljüdischen Hoffnungen auf Palästina sich in normaler Weise realisieren Welche Hilfe geben sie aber für die praktischen Forderungen der Zeit? *) Was nützt es, wenn man in den ersten fünf Jahren 150000 Menschen änsiedeln tann, selbst 100000 mehr, während Millionen in diesen ersten Jahren durch Hunger oder Mord unterzugehen drohen? Gewiß muß die Palästinaarbeit weitergehen. Es ist aber keine Hilfe, wenn man den Verschmachteten auf den Fruchtbaum verweist, dessen Samen man gerade in die Erde legt. Dazu kommt, daß Palästina ein ausgesuchtes Menschenmaterial haben muß. Wahllos hineingeworfene Massen können alles verderben. Das wissen die Zionisten allein, und sie betonen es auch, beschränken selber die unvernünftige Einwanderung. Alles in allem steht fest, daß selbst ein Palästina, das allen naLiouaMdischen Hoffnungen entspricht — ob ein solches möglich ist, sei hier gar nicht erörtert, — für die durch den Wandersturm von heute auf das Meer des Elends hinausgetriebenen Lebensschifflein keinen rettenden Hafen bietet. Aie restlose EinsteÜung der gesamten Hilfsaktionen auf Palästina, wie sie außerhalb Deutschlands noch viel eifriger betont wird als in unserem Lande selber, bedeutet aber fraglos eine Gefahr! Denn sie lenkt den Blick von den wirklichen Möglichkeiten ab, und oft ist man versucht zu fragen, ob nicht die nationaljüdischen Führer in ihrem unbestreitbaren Idealismus die Opfer einer gewissen Täuschung wurden, und ob nicht hinter der Palästinabegeisterung der Entente auch der Wunsch steckt, den eigenen Strand vor den verheerenden Folgen des Wandersturms zu bewahren. Insbesondere drängte sich dieser Gedanke mit Gewalt auf,- als man den nüchternen und praktischen Sinn vieler zionistischer Mitläufer Nordamerikas *) Vgl. hierzu, was der Zionist Dr. Nachum Goldmann im „Juden", Heft 7 (Oktober 1920) Seite 424 sagt: („Palästina ist keine Lösung dieser Augenblicksfrage, Palästina rettet nicht das Ostjudenturn von der drohenden Gefahr seiner Vernichtung.")