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Im deutschen Reich · 1920-12-01 · Heft 12 (Dezember 1920) · p. 366

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 12 (Dezember 1920)
Article
Wandersturm
Date
1920-12-01
Page
366 (sequence 2)
Language
German
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366 Im deutschen Reich die „lediglich" wegen der vergewaltigten Belgier sechs Jahre lang Krieg führten, ohne Versuch eines Einspruchs es nunmehr dulden, daß die eigenen Verbündeten an den Juden wahnwitzige Verbrechen begehen. So wahnwitzige, daß viele Millionen in Bewegung geraten sind, vor Tod und Hunger weichen Essen und in ihrer Verzweiflung keinen anderen Ausweg wissen, als Zunächst einmal nach dem „barbarischen" Deutschland zu fliehen, wo sie bekanntlich mehr Menschlichkeit und Liebe erwarten dürfen als in ihrer, den Mächten der „wahren" Kultur verbündeten Heimat. So kommen sie denn zu uns — zwar nicht annähernd in der Anzahl, von der phantasiebegabte Judenfeinde fabeln, um auch mit der Not der Aermsten noch politische Geschäfte zu machen — aber imnzerhin in Mengen, die nicht übersehen werden können. Und ein schwieriges Problem entsteht. Es sind unsere Brüder, Menschen unseres Glaubens, die um ihres Glaubens willen leiden. Wir müssen ihnen helfen, wir wollen ihnen helfen, um der Menschlichkeit, um des Judentums, um Gottes stnllen. Unsere Kräfte sind aber nicht groß, Deutschland ist ein armes Land geworden, und wir teilen sein Schicksal. Jeder Fremde wird von der Bevölkerung als Eindringling behandelt, der Brot, Arbeit und Nahrung den Eingesessenen, den Landeskindern raubt. Alter Haß gesellt sich zu der aus wirtschaftlicher Grundlage entstandenen Abneigung, wenn die fremden Elemente Juden sind, und verstärkend wirkt der Zuzug auf die Welle des Antisemitismus, die an sich schon früher Gewohntes gewaltig übertrifft. Nicht als ob ein Aufhören der ostjüdischen Einwanderung den Judenhaß, der gegen die deutschen Juden sich wendet, aus der Welt schaffen lönnte! Die Zusammenhänge sind jedoch unverkennbar. Was soll mit den Flüchtlingen in Deutschland werden? Selbst bei jenen Stellen, die weit über den Verdacht der Gehässigkeit erhaben sind, bei den freiheitlichen politischen Parteien, bei den wenigen großzügig denkenden Behörden, ist die Frage Gegenstand größter Sorge. Denn die deutschen Schwierigkeiten sind unendlich. Das Heer der Arbeitslosen wächst mit jedem Tage, der Mangel an Wohnungen droht bei dem Stocken jeder Bautätigkeit zu einer Katastrophe von ungeahntem Umfange zu werden. Arbeit und Unterkunft können nicht beschafft werden, und wo die «Möglichkeit bestünde, verbieten es die Maßnahmen der Behörden. So werden die Unglücklichen von einer Stadt zur anderen geschoben, keiner kann endgültig raten und helfen, jeder meint, der andere werde es tun. Die Arbeit der Fürsorgeämter soll nicht gering geschätzt werden, leisten sie doch im engen Raume alles nur Erdenkliche. Man kann abe^Lawinen nicht mit den bloßen Händen aufhalten. Da nun die Leute leben müssen, da ihnen jede Möglichkeit der körperlichen Arbeit — unendlich viele sind Handwerker — versperrt ist, geraten sie, soweit das kärgliche Almosen nicht reicht, auf den Weg des Handels mit dem Erfolge, daß sie zur stillen Freude allerJudenfeinde so wieder den Antisemitismus stärken helfen. Daß Deutschland, zumal in seinem gegenwärtigen Zustande, die einwandernden Massen nicht ausnehmen kann, weiß jeder. Daß

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