Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 11 (November 1920)
- Article
- [Ohne Titel] / Verax
- Date
- 1920-11-01
- Page
- 344 (sequence 5)
- Language
- German
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344 Im deutschen Reich und ursächlich zusammeuhängt, haben sich die Polen gegen beide bis zum Erstarken der allpolnischen Nationaldemokratie erfolgreich gewehrt. Aber wie künstliche Pflänzchen oft üppiger gedeihen als natürliche, so hat der Pogrom in Polen nichtswürdigere, rohere und gemeinere Formen angenommen als anderswo: das Ausreißen der Bärte, Mißhandeln und Schikanieren ist noch nichtswürdiger und niederträchtiger als der eigentliche Kernpogrom, und wirkt durch die kühle Gemeinheit verbitternder und nachhaltiger, als das Plündern und Blutvergießen. Der Lemderger Pogrom war nichts als eine Verwirklichung dieses Programms in gedrängtem Stil, er inaugurierte eine Reihe von Pogromen in ganz- Polen und gab das Signal zu den Pogromen in der Ukraine und in Ungarn. Wenn die Juden in Polen, namentlich in Ostgalizien, wo .sie in den Städten die Hauptstützen des Polentu ms waren, massakriert werden durften, und zwar von den Polen, die stets den Pogrom verdammten, so hatte dieser nunmehr offenbar nichts sittlich Anstößiges und bildete keinen Schandfleck auf der Ehre einer zivilisierten, zur Freiheit erwachenden Nation. Der Pogrom in Lemberg bewies der ganzen Welt, daß Pogrome unter Umständen sehr erwünscht sein können, daß man sich also auf einen jAntipogromismus nicht festzulegen braucht. Der Lemberger Pogrom und seine Nachfolger in Polen waren die Muster, nach welchen ein halbes Jahr später die Horthy-Regierung in Ungarn zu wirtschaften anfing, unter den Augen einer ganzen Anzahl hoher französischer und namentlich englischer Offiziere. Die Vorgänge in Ungarn scheinen ein unauflösbares Rätsel. In keinem Lande der Welt schien es für den Antisemitismus so wenig Raum zu geben wie in Ungarn, in keinem Lande hatten die Juden an dem Aufbau des modernen Staates so mitgearbeitet wie in Ungarn, und über Nacht kam eine Umwälzung, die alles von unterst nach oberst kehrte. Wer wissen will, wie es in Ungarn wirklich zuging, der lese das inhaltreiche, flott geschriebene Buch „"Das rote Ungarn" von Eugen Szatmari*), wo sich eine äußerst anschauliche Schilderung der Umwälzungen in Ungarn und der treibenden Kräfte hüben und drüben findet. Die Behauptung, daß die Pogrome in Ungarn eine Rache der Magyaren darstelle dafür, daß die Juden den Bolschewismus gemacht hätten, erscheint als das, was sie ist, eine-leere Ausrede. Gewiß befanden sich auch Juden unter den Bolschewisten, aber es waren ihrer noch mehr unter seinen Opfern, noch mehr unter seinen Gegnern! Daß sämtliche Juden Ungarns auf ewig verdammt bleiben sollen, weil einer der Bolschewistenführer den Familiennamen Kun trägt, welchen man bei einigem bösen Willen von Kohn ableiten könnte, und ein anderer ehemals Jude war, bevor er klerikaler Journalist wurde, das erscheint unsinnig, und doch hat es einen Liefen und sehr gesunden Sinn! Als nämlich Wilson, der über Nacht zum WelLenrichter geworden war, auf Geheiß Englands die österreichisch-ungarische Monarchie auflöste, indem er ihre. Völker als seine Verbündeten erklärte, die gegen die Monarchie Krieg führten,, hatte er seinen Auftraggebern einen wahren Bärendienst geleistet. Im Interesse Frankreichs und Englands lag es bloß, daß die Donaumonarchie als Verbündete Deutschlands getroffen und aus diesem Bündnis herausgelöst, nicht aber, daß sie in Trümmer geschlagen würde. Umgekehrt, die Donaumonarchie war für die Westmächte eine Lebensnotwendigkeit. Zunächst als Gegengewicht gegen Rußland, welches durch sie stets gezwungen war, die Bundesgenossenschaft des Westens zu suchen, sodann, weil durch ihre Zertrümmerung die zwölf Millionen österreichischer Deutschen angetrieben würden, *) Leipzig 1920. Verlag „Der neue Geist".