Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1920-10-01 · Heft 10 (Oktober 1920) · p. 315

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 10 (Oktober 1920)
Article
Der D. V. J. K. in Vergangenheit und Zukunft
Date
1920-10-01
Page
315 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2316602-2316900-2316909-2357858--31452-2357934
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der D. V. I. K. in Vergangenheit und Zukunft 315 gut wie vorher für die Schwestern zu sorgen. Zunächst halfen sich die einzelnen Vereine so gut es ging, teils durch Teuerungszulagen und Beschaffungsbeihilfen an die Schwestern, teils durch Abänderung der vom Verband festgesetzten Gehaltssätze. Aber hierdurch drohte eine der Hauptstützen des Verbandes zusammenzubrechen, und deshalb hat die sechste Delegiertenversammlung vom 1./2. Juni 1920 eine ebenso weitherzige als großzügige Reform der ganzen Gehalts- und Penstonssätze vorgenommen. Anfangs- und Endgehalt wurden auf das Zweieinhalbfache erhöht und für dse großen Städte noch weitere Teuerungszulagen vorgesehen; die Höchstsumme des Ruhegehalts wurde verdreifacht, wobei man sich freilich nicht verhehlte, daß die Vereine gar nicht in der Lage sind, derartige Pensionen in größerer Anzahl auf Jahre hinaus zu zahlen, ohne ihren Pensionsfonds vollkommen aufzuzehren. Dazu kommt, daß das regelmäßige Einkommen der Vereine durch die von einzelnen Finanzämtern verlangte Umsatzsteuer beeinträchtigt wird, obwohl es doch gar keinem Zweifel unterliegen kann, daß die Tätigkeit der Vereine für jüdische Krankenpflegerinnen nicht auf Erwerb gerichtet ist. Eine weitere Erschwerung der Vereinsarbeit liegt darin, daß das für die Organisationen der Berufskrankenpfleger geltende Betriebsrätegesetz auch unseren Vereinen aufgenötigt werden soll. Die Delegierten- Versammlung war sich darüber klar, daß davon keine Rede sein kann: Die Schwestern der D. V. I. K.-Vereine sind nicht Angestellte, sondern Mitarbeiter der Vereine, und die Vereine ziehen keinen Nutzen aus der Arbeit ihrer Schwestern, sondern sie ermöglichen sie erst durch dauernde Zuschüsse. Schwieriger als diese Dinge sind die Folgen, welche der Krieg für die innere Struktur der Vereine gezeitigt hat. Einzelne Schwestern, welche in der Etappe'für sich gearbeitet hatten, wollten sich nachher der Aufsicht des Mutterhauses nicht mehr fügen und traten aus; andere waren in Kriegs- und Feldlazaretten der regelrechten, stets beaufsichtigten Arbeit eines gut geleiteten Krankenhauses entwöhnt worden und wollten sich dem Friedensbetrieb nicht mehr unterwerfen; einige der großen Vereine verloren dadurch viele Schwestern. Alle Vereine aber haben dadurch zu leiden, daß die ewigen Unruhen im öffentlichen Leben, die schwere Sorge um die Existenz von Angehörigen, die Umwälzung in der Lebenshaltung so mancher Familie und die Erschwerung in der eigepen Lebensführung die Arbeitslust der Schwestern herabsetzen, ihre Lebensfreude dämpfen und sie des in der Krankenpflege so nötigen seelischen Gleichgewichts berauben. Dazu kommt, daß Ersatz für die abgehenden Schwestern nur mehr in ganz unzureichendem Maße gefunden wird, w^il die jungen Mädchen andere, höher bezahlte Berufe vorziehen. Das nötigt uns, ernstlich die Frage zu erwägen, ob unsere Vereine auf dem Grund gebaut sind, der ihnen allein festen Halt auf die Dauer verbürgt. Wenn ein Teil der Schwestern die Vereine verläßt, um irgendwo den selbständigen, aber keinerlei Sicherheit für die Zukunft bietenden Beruf einer Assistentin oder freien Gemeindeschwester zu übernehmen, dann war ihnen der Verein eben nichts anderes als eine vorteilhafte Arbeitsvermittlung; wenn die. jungen Mädchen lieber in ein Geschäft oder ein Fabrikkontor gehen als in die Krankenpflegeschule, dann sehen sie eben nur den schnelleren Verdienst und das freie Leben, und sie übersehen, was sie als Schwester der Allgemeinheit leisten. Wenn aber ein Mensch in unserer vom Materialismus erfüllten Zeit einen Beruf wählen soll, der ihm zwar ein gesichertes Dasein und eine geachtete Stellung verbürgt, andererseits aber den Verzicht auf eigene Gestaltung der Zukunft und allerlei Äußerlichkeiten fordert, dann muß er einen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.