Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1920)
- Article
- Bilanz
- Date
- 1920-10-01
- Page
- 305 (sequence 7)
- Language
- German
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Bilanz 805 zu verekeln. Was wir Juden als „Deutsche" sind, sind wir durch unsselbst geworden, o h n e die geringste Förderung, aber trotz der zähesten Hemmung, der offenen und geheimen Zurückdrängung von der anderen Seite. — Wenn wir nun trotzdem auch pon ernst zu nehmender Seite, die diese Entwicklung kennt, immer wieder hören müsien, daß sich auf manchen Gebieten des öffentlichen Lebens, die vorzugsweise von Juden beackert werden, Mißstände herausgebildet haben, warum sollen wir nicht im Bewußtsein unseres guten Gewissens in diese Dinge hineinleuchten? Um so eher, als die „gewissen" zersetzenden Einflüsse im Grunde genommen genau so wenig jüdisch sind, wie sie deutsch sind, und darum aus dasJudentumebenso zersetzend wirken wie aus das Deutschtum. Wir brauchen deshalb nicht immer gleich mit einer öffentlichen Erklärung hervorzutreten, die noch dazu gar nichts nützen würde; wohl aber können wir unseren Glaubensgenossen die Augen öffnen über die Schädlinge im eigenen Lager, „damit sie erkennen, was gut und böse sei". Damit wären wir bei uns selbst angelangt. Und das ist nicht unwichtig; den nvonuns selbst hängt der Erfolg unseres Kampfes zum guten Teil ab. Darüber darf kein Zweifel herrschen: dem Kampf gegen den äußeren Fernd wird die Stoßkraft fehlen, wenn wir nicht zugleich die innere Front bilden gegen Zersplitterung und schädliche Einflüsse aller Art. Selbstzucht ist von jeher der wirksamste Schutz umkämpfter, gefährdeter Minderheiten gewesen; Selbstzucht ist Selbstschutz, ist Naturschutz gegen inneren Zerfall. Deshalb ist unsere vornehm sie Aufgabe im Innern die Erziehung jedes Juden zu Korpsgeist und Verantwortlichkeitsgesühl — nicht den anderen zuliebe, sondern uns zunutze. Mag man über die Gemeinbürgschaft vom ethischen Standpunkte aus denken, wie man will: in biologischer Hinsicht ist sie die schärfste Waffe, über die wir verfügen. Darum weg mit der Scheu, sie auch rücksichtslos zu gebrauchen. Wir stehen an einem Wendepunkt unserer Geschichte. Neue Verhältnisse, neue Aufgaben, andere Wege. Und alles so unsagbar erschwert. Doch wir verlieren den Mut nicht! Was uns ausrechthält und vorwärtstreibt, ist zu allererst „unsergutes Rech t". Nicht nur das Recht, das wir aus der Verfassung herleiten, sondern auch aus der Natur; das Recht, das mit uns geboren ist, das Recht auf Gleichberechtigung alles dessen, was Menschenantlitz trägt.— Zum anderen ist es die Notwendigkeit, deutsch zu sein. Nicht nur deutsch sein zu wollen, sondern auch deutsch sein zu dürfen, wenn anders wir nicht verdorren sollen. (Auch als Juden: denn die Judentaufen der Gegenwart sind nicht zuletzt der Ausdruck der Angst, nicht mehr deutsch sein zu können.) Und unsere Hoffnung auf den endlichen Erfolg gründen wir auf die Macht der Entwicklung, in deren Tempo man sich Wohl irren kann, deren Wirken man aber nicht leugnen kann, wenn man nicht das