Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1920)
- Article
- Bilanz
- Date
- 1920-10-01
- Page
- 304 (sequence 6)
- Language
- German
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804 Im deutschen Reich öffentlichen Dienste. Wir haben es unter dem alten Regime erleben müssen, daß die bedeutendsten und verdientesten Männer ohne amtliches Dach und „Fach" blieben, weil jte Juden waren. Wir haben es ferner dulden müssen, daß man bestimmte Berufe und Aemter grundsätzlich vor uns verschloß. Daß wir uns bei solchen flagranten Rechtsbrüchen hätten beruhigen sollen, kann kein Mensch'mit Rechtsgefühl verlangen,und daß wirunsindiesem Hu n k t e jemals aufs Markten und Feilschen einlassen könnten, ist ein für allemal ausgeschlossen. — Wenn wir nun darüber hinaus die berühmt gewordene „freie Bahn für jeden Tüchtigen" ohne jede Nebenrücksicht verlangen, so stoßen wir wieder auf die bedauerliche Inkongruenz von Recht und Rechtsbewußtsein. Der von der liberalen Schule für die Volkswirtschaft proklamierte Grundsatz des „freien Spiels der Kräfte" setzt, aus das öffentliche Leben übertragen, einen einheitlichen Volkskörper voraus, in dem der eine den andern vor allem als Volksgenossen betrachtet. Soweit sind wir aber in Deutschland leider noch nicht. Das deutsche Volk ist ein von Parteiungen aller Art zerrissener und zerklüfteter Organismus, dem ein alle Spaltungen überbrückendes Nationalgefühl als Korrektiv fehlt. Neben politischen und Stammesgegensätzen wirkt als stärkstes Trennungsmoment der konfessionelle Zwiespalt. Trotz offizieller „korrekter Beziehungen" schafft er in den Massen bis hinauf in die gebildeten Schichten, einschließlich der Bureaukratie — soweit sie noch religiös orientiert sind — eine gespannte Atmosphäre, die sich selbst im Privatleben bemerkbar macht. Da wird jede Beamtensielle, jeder Vorstandsposten auf gerechte Verteilung untersucht, jede Prozentziffer eifersüchtig umstritten. Welch eine Naivität, angesichts solcher Verhältnisse dekretieren zu wollen: Religion ist Privatsache! So sollte es wohl in einem politisch reifen und kulturell einheitlichen Staatswesen sein, so i st es aber bei uns nicht. Also auch hier wieder die unpolitische, unpsychologische Verwechslung des Sollenden mit dem Seienden. — Bleibt uns Juden aber etwas anderes übrig, als mit den gegebenen Verhältnissen zu rechnen? Wie die Dinge nun einmal liegen, ist das Verteilungsverfahren nach Konfessionen das einzige Mittel, den Frieden aufrechtzuerhalten. Wir Juden werden ihn nicht stören wollen; wir werden auch den Schein vermeiden, als strebten wir nach etwas anderem, als nach friedlicher, gemeinsamer Arbeit mit unseren andersgläubigen Mitbürgern. Ob wir zehn oder einen Minister, Geheimrat, Reichsgerichtsrat usw. stellen, soll uns gleichgültig sein, wenn man uns nur nicht grundsätzlich hier oder dort die Türen verschließt. Und nun noch ein paar Worte zur Sage vom zersetzenden Geist. Wir wissen, daß die Masse der deutschen Juden geistig und sitckich gesund ist, jedenfalls nicht kränker als die Gegenseite. Sollte uns an deutschem Wesen noch ein Manko anhaften, dann dürfen die nicht am lautesten darüber zetern, die das Wenigste dazu getan haben, uns deutsche Art beizubringen, aber das Menschenmöglichste, sie uns