Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1920)
- Article
- Bilanz
- Date
- 1920-10-01
- Page
- 306 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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306 Im deutschen Reich Leben selbst verneinen will. Das sind die id ealen Mächte, denen wir vertrauen wie die Alten. Daneben aber unterschätzen wir auch, die r e a l e n Mächte nicht. Vergessen wir nie: wir führen nicht nur einen sittlichen, wir führen auch einen politis ch eit Kampf. ' Lernen wir darum die realen Größen einschätzen und behandeln! Ruhe, Geduld, Ttcktik und — Takt gehören zum Rüstzeug des Politikers. In diesem Sinne sollten wir die zweite Phase unseres Emanzipationskampfes eröffnen. Möge er endlich die Zeit herbeiführen, wo der deutsche Jude ohne inneren und äußeren. Widerspruch bekennen und behaupten darf: Civis Germanus sum! Zeitschau. Die Gedanken fliegen hin. zu dem bevorstehenden Verso h n u n g s f e st e. Es ist wohl einer der heiligsten Gedanken der jüdischen Religion, ei ren Tag der Versöhnung der Menschen zu weihen. Würde mar diesen Gedanken der Versöhnung auf die Völkergesamtheit, ja nur auf die Gesamtheit unseres deutschen Volkes übertragen, so würde das heute wie blutiger Hohn klingen. Wenn auch das Getöse des Krieges seit nun beinahe zwei Jahren wenigstens einigermaßen verstummt ist, von der Versöhnung, von der äußeren wie von der inneren Versöhnung der Völker, die sich feindlich gegenübergestandeu haben, ist nicht viel zu spüren. Ja, man möchte versucht sein zu behaupten, daß der Riß, der durch die Welt gegangen ist, sich immer tiefer in die Menschen eingräbt. Und es sind noch neue Riste hinzugetreten. In den Jahren, in denen das deutsche Volk Krieg führte, war man wenigstens auf allen Seiten bemüht, in der Erkenntnis, daß nur das den Zusammenbruch aufhalten könnte, alle inneren Gegensätze nach Möglichkeit zu vertuschen. Das aber glaubt man heute nicht mehr nötig zu haben, und deshalb auch hier statt Menschenversöhnung — Menschenbekämpfung. Was heute an innerer Verhetzung innerhalb der arg zusammengeschrumpften Grenzen unseres Reiches geleistet wird, ist, wenn es uns auch nicht immer greifbar ins Bewußtsein tritt, geradezu furchtbar. Wir haben doch den Bruderkrieg .im. Innern des Landes im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht nur die politischen und geistigen Gegensätze als solche sind da, sondern Mensch steht gegen den Menschen. — In wie viele Familien ist nicht durch diese Vertiefung der Gegensätze ein Riß gekommen, der selbst das Familienglück vernichtet hat. Wie oft ist heute nicht der Sohn dem Vater, der Bruder dem Bruder, die Schwester der Schwester, der Freund dem Freunde entzweit worden. Es lohnt sich wirk-