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Im deutschen Reich · 1920-10-01 · Heft 10 (Oktober 1920) · p. 302

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 10 (Oktober 1920)
Article
Bilanz
Date
1920-10-01
Page
302 (sequence 4)
Language
German
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302 Im deutschen Reich Segel streichen, weil das Volk nicht mitging.- Und so sehen wir auch die uns nahestehenden Parteien stillschweigend der Strömung nachgeben, sehen wir selbst uns zu Konzessionen gezwungen. So stehen wir anno 1920 genau so wie unsere Avantgarde vor fünfzig und dreißig Jahren vor der bitteren Tatsache, daß das deutsche Volk auch heute noch nicht reif ist für den Gedanken der Gleichberechtigung der Juden. Nicht, daß wir gesellschaftlich und amtlich nicht überall offene Türen finden, ist das Wesentliche, sondern daß wir im Bolksbewußtse in.no ch eine Sonderstellung einnehmen. 'Dies ist das „Ding an sich". Die tagtäglichen Erlebnisse, unter denen wir so schwer leiden, sind nur die „Erscheinungen", die nicht eher verschwinden werden, bis die Vorstellung „Jude" von der Vorstellung „Volksgenosse" restlos assimiliert worden ist. Und solange dies nicht geschehen ist, wird auch unser Pochen auf „das gute Recht" und der Appell cm das sittliche Gefühl der Gegenseite wenig Helsen. ii. . .,'1;' So sehen die Dinge aus bei Lichte -besehen- (so^ erscheinen sie dem nüchternen Blick, der sich und die anderen nicht betrügen will). Das ist aber kein Grund, die Flinte ins Korn zu Wersen. Wir dürfen an unserer Sache nicht verzweifeln, weil wir mit ihr uns s elbst aufgeben würden. Wir nehmen unfern Emanzipationskampf darum von neuem auf, aber mit veränderter Front und entsprechender Taktik. Wir führen ihn als politischen Kampf weiter. Politik ist aber nach Bismarcks Worten die Kunst, mit gegebenen Größen zu rechnen. Diese Größen müssen wir kennenlernen; nicht so, wie sie sein sollten, sondern so, wie sie sind. Unser Ziel ist klar: wir müssen das Volk für den Gleichberechtigungsgedanken gewinnen, im Volksstaate noch hundertmal notwendiger als im Obrigkeitsstaate.. Wir fragen also: Wo stehen Freund und Feind, und wie ist die Kräfteverteilung? Betrachten wir das deutsche Volk, unter dem Gesichtspunkt seiner Einstellung zur Judenfrage, so ergeben sich in der Hauptsache drei große Gruppen: die unbedingten Philosemiten, die unbedingten Antisemiten, die unentschiedene Mitte. Unsere Freunde sind hochwertig, aber numerisch zu schwach, um in Verbindung mit uns unsere Sache durchzufechten. — Unsere unbedingtem Gegner, so, wie sie sich heute gebärden, kommen für eine politische Auseinandersetzung überhaupt nicht in Frage; wir bekämpfen sie nach der alten Formel, daß auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört. Die Entscheidung hängt von der Mitte ab. Ihr müssen wir daher unsere unmittelbare Aufmerksamkeit zuwenden; nicht so sehr der urteilslosen Masse, die sich ebenso leicht überzeugen wie verführen läßt, als vielmehr den bewußten „Verständigungspolitikern". Wie spiegelt sich nun in diesen Köpfen die Judensr ag e? Grundsätzlich steht man auf. dem Boden der Gleichberechtigung. Vernunft und Gefühl lehnen den Antisemitismus ab

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