Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1920-10-01 · Heft 10 (Oktober 1920) · p. 301

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 10 (Oktober 1920)
Article
Bilanz
Date
1920-10-01
Page
301 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2316602-2316900-2316909-2357855--31432-2357920
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bilanz 301 Instinkten, Trieben, halbbewußten Vorstellungen und bewußten Gedanken so fest, daß Umstellungen im Denken und Fühlen, und ganz besondersin Weltanschauungsfragen, sich nur sehr langsam vollziehen können. Darum ist ja auch die Geschichte der Menschheit nichts anderes als die Geschichte des Kampfes der vorwärtsschreitenden Idee gegen das rückwärtsschauende Vorurteil. Dürfen wir uns da wundern, wenn die in Jahrhunderten eingeprägte Vorstellung von minderwertigen, mißachteten, unterdrückten — und nicht zu vergessen: andersgläubigen — Juden nicht, aus Geheiß einer Verfassung, selbst nicht in siebzig Jahren, der neuen Forderung der Gleichstellung weichen will, ohne Aufbäumen und ohne Rückfälle? — Aber die Ethik, die Idee von der Gleichheit der Menschen, die seit 100 Jabren doch auch die Politik beherrscht, bedeuten sie denn gar nichts? — Nun wohl, hat die Ethik, haben all die herrlichen „Ideen", und vor allem die erhabene Lehre der Feindesliebe, es in zweitausendjähriger Wirksamkeit etwa vermocht, die Kriegführung und die Friedensschlüsse der sogenannten Kulturvölker zu „versittlichen"? —Kein! Irrationalen Mächten gegenüber, wie sie in der Judenfrage wirksam sind, zieht die Ethik — bei dem heutigen Stande der Menschheitsentwicklung wenigstens — leider immer noch, trotz aller sittlichen Phrasen, den kürzeren. Das war also der große Irrtum unserer Politik: sie überschätzte die Idee und unterschätzte die Imponderabilien; sie war, zu sehr nach der ethischen Seite orientiert und zu wenig nach der psychologischen. Darum vergriffen wir uns auch im Tempo. So zeigt unser Schicksal große Ähnlichkeit mit dem des deutschen Volkes. Das deutsche Volk hatte durch seinen unbegreiflich schnellen Aufstieg ein Machtbewußtsein erlangt, dem sich die Umwelt nicht angleichen wollte, weil sie so rasch nicht zu folgen vermochte. Als es nun aus seinem Machtbewußtsein heraus die Folgerungen in Gestalt von Machtforderungen ziehen wollte, scheiterte es an dem einigen Widerstande der anderen, die die Berechtigung jener Forderungen nicht einsahen. Wir leiteten aus der Verfassung Rechts a n s p r ü ch e her, die von der großen Masse des Volkes nicht anerkannt wurden, weil sie sich der ihnen zugrunde liegenden Rechts idee noch nicht assimiliert hatte. Solange aber das Volksbewußtsein sich nicht zum Träger einer Idee macht, hat diese nur den Wert eines Richtungspunktes für die Entwicklung, ähnlich dem des Ideals für die Erziehung. Unmittelbare praktische Folgerungen aber hängen in der Luft, wie wir es z. B. in unseren Tagen an dem Schicksal gewisser Politischer Forderungen sehen, die zehnfach in der Versasiung „verankert" sein mögen, ohne daß sie verwirklicht werden können, wenn der Volkswille sich dagegen auflehnt. Und so ging und geht es uns mit der Emanzipation. Vor siebzig Jahren hat man sie theoretisch festgelegt und praktisch hintangehalten. 1918 hat man geglaubt, den Schlußpunkt hinter den Emanzipationskampf setzen zu können. Denn die Staatsgewalt war von der ihm zugrunde liegenden Idee erfüllt 'und vom besten Willen beseelt, ihr Geltung zu verschaffen. Aber auch sie mußte die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.