Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1920)
- Article
- Zur Verständigung zwischen deutschen Christen und deutschen Juden
- Date
- 1920-10-01
- Page
- 296 (sequence 4)
- Language
- German
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296 Im deutschen Reich Schwere Unterlassungssünden in bezug auf die „Judenfrage" hat die deutsche Politik seit der Einnahme von Warschau und dem Eintreten der Türkei in den'Weltkrieg auf sich geladen; ich habe an damals maßgebenden Stellen Vergeblich gewarnt. England hat die Bedeutung der über die ganze Erde verbreiteten JudenheiL, den Einfluß der judenfreundlichen Presse und des in jüdischen Händen befindlichen Kapitals sofort erkannt und, bei der ersten Gelegenheit und ohne in den Mitteln wählerisch zu sein, für sich* benutzt. Palästina ist für England als Station auf dem Landwege nach Indien und als Stützpunkt für die Herrschaft über Aegypten von größter Wichtigkeit. Vor dem großen Kriege schützte England die Türkei in ihrem Besitze, damit weder Frankreich noch Rußland dort herrsche. Sobald man im Verlaufe dieses Krieges sah, daß die Türkei auch durch das ihr verbündete Deutschland Palästina nicht würde halten können, versprach England dies Land den Juden; batte Palästina doch für alle Juden (wenn auch, wie vorhin schon angedeutet, in verschiedener Weise) Wert. ' Man versprach es den Juden, um den Widerspruch Frankreichs, Italiens, Rußlands (Deutschland und Oesterreich gelten als ausgeschaltet) Zu vermeiden; man versprach es aber unter einem englischen OberZommissar, d. h. England wollte Herr sein, ohne Herr zu heißen. So wurden nicht nur alle Juden Englands, also auch die Zionisten, gewonnen, sondern auch große Massen englischer Bibelchristen, zum Teil einflußreicher, die außer weiterer Erfüllung alttestamentlicher Weissagungen auf Grund des Neuen Testaments Wiedererrichtung eines .jüdischen Reiches in Palästina, wenn auch unter der Herrschaft Christi, erwarten. — Und noch"' ein anderer Erfolg wurde erreicht: Die Zionisten aller Länder glaubten an Englands Uneigennützigkeit und sprachen diesen Glauben laut aus. Insonderheit hat das die Zionistische Partei in Deutschland getan. Durch diese Zustimmung zu England aber hat sie sich weite Kreise Deutschlands entfremdet und dem „Antisemitismus" Nahrung gegeben. Es ist wohl das Erkennen dieser Entwicklung, was dem „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" Anlaß gegeben hat, seine nicht zionistische, sondern deutsche Stellung wiederholt zu entschiedenem Ausdruck zu bringen. Gewiß ist, daß ein nicht geringer Teil der in Deutschland gegen die Juden vorhandenen Mißstimmung auf.Rechnung der Zionistischen Partei, besonders der in Deutschland, zu setzen ist. Nachdrücklich möchte ich aber hier betonen, daß ich durch diese Feststellung nicht eine Geringschätzung des sittlichen Werts der Führer dieser Partei habe aussprechen wollen. Noch etwas, was zum Wachsen dieser Mißstimmung wesentlich beigetragen hat, muß hier erwähnt werden, und zwar gerade deshalb, weil es bei Erörterungen der „Gründe" oder „Anlässe" gewöhnlich ganz außer Betracht gelassen wird: das Suchen nach einem Sündenbock. Leider liegt es in der Natur des Menschen (theologisch würde man sagen: in der unwiedergeborenen Natur), daß er gewöhnlich den Grund, die Ursache, die Schuld alles Elends nicht in sich selbst sucht (daher die Ausdrücke „Unglück", „Miß-