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Im deutschen Reich · 1920-09-01 · Heft 9 (September 1920) · p. 277

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 9 (September 1920)
Article
[Ohne Titel] / Verax
Date
1920-09-01
Page
277 (sequence 8)
Language
German
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Jüdische Rundschau 277 arbeiten zu lassen, das werden sie sich wohl überlegen, um so mehr, als England mit fast allen Ländern, in denen „die ganze Jüdenheit" wohnt, auf Kriegsfuß sich befindet! Sogar die dicke Freundschaft mit den Vereinigten Staaten kann jeden Tag wegen Japans oder, wegen des Naphtha- Weltmonopols in die Brüche gehen. Nun hat die am 5. Juli zusammengetretene zionistische Jahresko nserenz in London beschlossen, 25 Mill. Pfund Sterling, eine halbe Milliarde Mark nach Vorkriegskurs, von der Gesamtiudenheit für den Ausbau von Palästina Zu 'fordern. Und der „Jewish Guardian" fragt, wo man das Geld hernehmen solle, während 75 Prozent der Gesamtjudenheit in den vom Kriege betroffenen Ländern wirtschaftlich ruiniert sind. Allein die zionistische Jahreskonferenz bestand aus lauter Literaten, Theologen, Rhetoren und Juristen, es war kein einziger Landwirt oder praktischer Kolonisationsfachmann unter ihnen, sonst hätte sie sich sagen müssen, daß die genannte Summe kaum s ü r d e n Anfang genügen dürste. Die preußische Ansiedlungskommisston in Posen hat von 1886 bis 1914 nahezu eine Million Mark verausgabt und kaum 50 000 Bauern angesie'delt. Dabei hatte diese Kommission die ganze preußische Verwaltung mit ihrem unvergleichlichen Beamtenapparat zur Verfügung, die Reisekosten waren gering und das Menschenmaterial bestand aus den besten und tüchtigsten Bauern der Welt, nicht aus Kleinstädtern, die erst zu Bauern erzogen werden sollen. Es wäre ungerecht, den Zionisten diese Naivität zu verargen, sie haben sich nämlich nie mit dem Gründen von Kolonien befaßt und können also davon nichts verstehen. Alle in Palästina vorhandenen Kolonien, bis aus ein paar unbedeutende Güter und Farmen (Kinnereth, Dagania, Hulda und Merchawia, mit zusammen etwa 280 Einwohnern), die der Nationalsonds in bert letzten Jahren vor dem Krieg gegründet hat und über deren Schicksal jetzt nichts Genaues bekannt ist — alle jüdischen Kolonien in Palästina bestanden schon im Jahre 1896, also vor Auftreten Herzls! Der politische Zionismus störte und hinderte ein Jahrzehnt lang jede jüdische KolonisationsLätigkeit in Palästina. Als die bestehenden Kolonien 1899 in Not gerieten und dem Untergang nahe waren, wurden sie n i ch t etwa von den Z i o n i st e n, sondern von einer ausgesprochenen azionistischen, vom Zionismus arg angeifeindeten Organisation, nämlich von der Jca, gerettet. Der. Herr Lichtheim z. B. kann ja ruhig versichern, daß die Zionisten jetzt nach zwanzigjähriger Vorbereitung an die Verwirklichung ihrer Pläne herantreten. In Wirklichkeit gleichen die Zionisten jenem Schwimmer, der nicht eher ins Wasser gehen wollte, als bis er die Schwimmtheorie zwanzig Jahre lang, am User stehend, gründlich durchstudierL habe. Und nun ruft er: Gebt mir 25 Millionen und ich springe ins Wasser, ihr sollt sehen, was für Schwimmwunder ich verrichten werde, ich hab's zwanzig Jahre lang im Trocknen studiert. Die Zionisten haben Kolonien geredet und geschrieben, andere haben Kolonien gegründet. Die Zionisten haben eine umfangreiche Palästina-Kolonisationsliteratur geschaffen, aus der man viel Schwung und Begeisterung, aber keinen einzigen praktischen, auf Erfahrung beruhenden Lehrsatz entnehmen kann. Darum darf man es ihnen nichts verargen, daß sie mit dem kaum nennenswerten Sümmchen von einer halben Milliarde Mark auszukommen wähnen. Allein, um das Geld braucht man sich nicht zu sorgen. England unterhalt jetzt in Palästina zum Schutze der neunzigtausend Juden eine Armee von 50 000 Mann (davon 40 000 indische Truppen), die vier Millionen Pfund jährlich kostet, also die Zinsen von mindestens 200 Millionen Pfund verschlingt. England wird schon die nötigen Summeri ausbringen, um sein Bollwerk und seine Heeresstraße auszu-

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