Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 9 (September 1920)
- Article
- Emanzipation und Zionismus
- Date
- 1920-09-01
- Page
- 259 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316900-2316908-2357732--31335-2357795- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Emanzipation und Zionismus 259 meine Geister alle Macht haben. Durch jede Aufklärung über die Schlechtigkeit, der Juden wird aufgestachelt die Schmähsucht, das Bedürfnis nach Frechheit, Haß, Verfolgung und nicht zuletzt nach einer Ursache, der man's heimgeben kann, daß man unzufrieden ist (daher auch die eigentlich mit ganz andrem Unzufriedenen, worauf sie aber nicht schlagen können, mitschlagen auf den jüdischen Sündenbock: weil sie da doch schlagen können! — und sogar im Grunde ganz Zufriedene fahren zu, schlagen mit). Die Schlechtigkeit der Juden, seht nur, wie das ihnen Beine macht: hinter der Aufklärung aber gehen sie einher wie hinter einer Leiche, sie in die ewige Ruhe zu bringen. Und darum ist es auch nichts mit dem „endlichen Siege der Aufklärung und Gerechtigkeit". Die Endlichkeit dauert die ganze Ewigkeit. Wenn sich etwas bessert für die Gesellschaft der Menschen mit ihrem durch alle Zeiten hindurch sich wesentlich gleichbleibenden Charakter geistiger und sittlicher Begabung, so bessert sich's durch Aenderung der Verhältnisse in der Gesellschaft: dadurch, daß dieses oder jenes Unrecht depopularisiert, daß die Energie des Interesses daran vermindert ist oder ganz nachgelassen hat, daß die Gesellschaft wegen eines neu ausgekommenen Interesses kein Interesse mehr an diesem' oder jenem Unrecht besitzt oder gar ein Interesse an der Gerechtigkeit in diesem oder jenem Falle. Gerechtigkeit aber aus Gerechtigkeit, das gibt es nicht und ist durch das Weltverfahren niemals erreichbar. Im Leben des einzelnen" wie der Geschichte kommt das Unerwartetste, Unglück und Glück, Vernunft wie höchste Unvernunft, aber die erwartete Gerechtigkeit kommt nicht, ganz gewiß nicht. Gerechtigkeit aus Gerechtigkeit gibt es wohl auf dem Papier und in Worten und im guten Willen, der sich selber den Augenblick nicht versteht. Der Mensch hat den guten Willen zur Gerechtigkeit, aber er liebt die Gerechtigkeit nicht; die Gerechtigkeit, verliert sich mit der Zeit, aber das Interesse am Vorteil bleibt — der Mensch und sein Vorteil, wie sie sich ansehen, können sie einander nicht widerstehen und lieben sich. Es ist gleich aus mit jeglicher Gerechtigkeit, die. keinen egoistischen Vorteil bringt oder nicht durch Macht dessen erzwingbar wird, an dem sie geschehen soll, da unu8QM8Que tantum juri's habet, Quantum potentia valet; selbst eine anerkannte Ungerechtigkeit der Gesellschaft wird nicht abgestellt, wenn nicht zugleich die Gesellschaft Vorteil von der Abstellung hat. So war es aus mit der Emanzipation, sobald sie verwirklicht werden sollte, und kam nicht zur Gerechtigkeit im allgemeinen gegen die Juden und nur Ungerechtigkeit einiger Antisemiten mit dabei. Bei der Emanzipation handelte es sich um einen Fall jenes guten Willens und um eine erkannte Ungerechtigkeit, deren Abstellung nicht mit Vorteil verbunden ist; daher schlägt es wieder um, die Ungerechtigkeit wird immer weniger und weniger erkannt, je besser der Wille sich wieder erkennt im eigentlich seinigen und sich herauszieht aus der Vermischung mit dem „guten Willen" und den Phrasen, der gute Wille wird immer böser, die Ungerechtigkeit ver- Beachtet die Anzeige: Philo Verlag!