Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 9 (September 1920)
- Article
- Emanzipation und Zionismus
- Date
- 1920-09-01
- Page
- 258 (sequence 2)
- Language
- German
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Im deutschen Reich äoS Gewissen (ouveiB^owl). Am Judenhaß, am Antisemitismus besitzen die Besten ein Mittel, die Erkenntnis zu vertiefen, das Gefühl zu läutern, den Willen zu mäßigen und den Charakter zu stählen, und am Antisemitismus haben wir einen Prüfstein für den Zustand der Gesellschaft. Der Antisemitismus, in dem der Menschenhaß permanent an den Tag kommt, ist nichts dieser Gesellschaft Fremdes. Antisemitismus verhält sich zur allgemeinen Gesellschaft wie die Gewittererscheinung zur übrigen Natur: wir beobachten die elektrische Wirkung hauptsächlich an der Gewittererscheinung, aber (durch jede Elektrisiermaschine läßt sich's erweisen) die ganze Natur ist elektrisch. Die Antisemiten sind die Exponenten des Ungerechtigkeit-, des Hochmuts- und Haßcharakters dieser Gesellschaft, die darum auch außerstande gewesen, den Juden durch die Emanzipation Gerechtigkeit zu erweisen. Die Hoffnung, daß die aus allgemein menschenrechtlichen und staatsrechtlichen Motiven gesetzlich ausgesprochene Emanzipation auch verwirklicht werden könne, gründete sich aus völlige Verkennung dieser Gesellschaft und der Menschennatur, die auch so wenig an das Recht sich gewöhnt, wie die Juden an das Unrechtleiden sich gewöhnen können. Nein, so einfach geht das nicht: da die Krankheit, hier das Heilmittel — also! Der Judenhaß ist, wovon wir uns überzeugt haben, gar nicht als eine Krankheit anzusehen — gegen Krankheiten gibt es ja genug Aerzte, die das Pulver erfunden haben; wie viele unfehlbare Heilmittel gegen jegliche Krankheit, daß man gar nicht begreift, wie noch eine kommen kann und bleiben! Nicht besondere Krankheit der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft und ihr Interesse. Ünd solange die Gesellschaft ein Interesse am Unrecht besitzt, bleibt auch die Gerechtigkeit von oben her, durch Staatsdekrete, ohnmächtig. Die staatlich dekretierte Gerechtigkeit ist zu hoch oben über den Interessen, als daß sie auf diese Einfluß gewinnen könnte; die Gesellschaft mit ihrem Interesse, mit den Vorurteilen und dem Unrecht ihres Interesses hat entscheidende Macht und bringt in ihren Schlingen das dekretierte Recht zu Fall — der große Kampf der Gesetzgebung gegen das Gewohnheitsrecht und gegen die Gewohnheitsungerechtigkeit. Und ebensowenig wie mit der Gerechtigkeit und der Humanität, ebensowenig geht es mit dem Sieg des Wissens und der Aufklärung. Immer nur die Interessen gelten, immer nur die Interessen; wer den Menschen kennen will, darf immer nur seine ihm wirklich in der Haut steckenden Interessen betrachten, nicht, was nur seine Kleider sind: sein Wissen nnd seine Aufklärung, seine Kenntnisse und sein gelerntes Denken (außer den wenigen, welche wirklich die Gewalt des Denkinteresses und den Geist empfinden, haben die Gelernten wie die Ungelernten nichts als ihr Interesse). Ebenso mit der Allgemeinheit. Der Unwert der Aufklärung ist nicht hoch genug anzuschlagen. Keine Aufklärung über den Antisemitismus bringt ernstlich Nutzen; denn da soll die Aufklärung wirken. Dahingegen jede Aufklärung über die Schlechtigkeit der Juden wirksam ist: weil unmittelbar das Interesse angestachelt wird, das Besitzin'Leresse, das Hochmütsmteresse, weil die Lügen, die dem Hochmut schmeicheln, über ge-