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Im deutschen Reich · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1920) · p. 232

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1920)
Article
Professor Droogstoppel
Date
1920-07-01
Page
232 (sequence 11)
Language
German
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Im deutschen Reich 232 gingen? Und erst jene unschuldigen, in weiteren Kreisen kaum bekanntgewordenen Aufrufe zeigten ihm, daß es wieder eine jüdische „Frage" gebe! Da stand er also Wohl auf, um „in unserem armen durch Fragen aller Art schon genugsam durchwühlten Vaterland" die Gemüter zu beruhigen? Nein, er veröffentlichte seine „große Täuschung", die für. alle Zeiten einen der ersten Plätze in jener Schmähliteratur behaupten wird. Und wann gab er sie heraus? Wir wissen ja alle, daß diese ganze antisemitische Hetze,. nur im Dienste und Solde der politischen Reaktion pnd zur Vorbereitung der Wahlen für den Reichstag gemacht worden ist. Der Termin für diese Wahlen war der 6. Juni 1920. Das Nachwort des Buches ist datiert: Marz 1920. Es kam also, wie z. B. die „Deutsche Zeitung" mit Jubelgeschrei feststellte, noch gerade zurecht und hätte denn auch seine Dienste geleistet, wenn es nicht sofort abgetan worden wäre. Nirgends hat jene Hetze einen fruchtbareren Boden gefunden, als auf den Universitäten und höheren Schulen. Hier herrscht heutzutage der blödeste und rüdeste Antisemitismus. Der politische, geistige und in gewissem Sinne auch sittliche Tiefstand ist erschreckend. Hier wird, besonders wenn es sich um Juden handelt, alles geglaubt, auch der blühendste Blödsinn, sofern er nur ein gelehrtes Maul zieht, d. h. als System („Weltanschauung"!) austritt und in einer scheingebildeten Sprache vorgebracht wird. Hier findet man noch immer die Sitten aus der Zeit des Magister Lauckhardt, „veredelt" durch die militärische Schneidigkeit des wilhelminischen Zeitalters. Und das reaktionäre „gebildete" Bürgertum folgt den ausdiesen Kreisen hervorgegangenen Führern. Nichts kann bezeichnender sein, 'als daß von dem Werke des klassischen Dilettanten, des davongelaufenen Engländers Houston Steward Chamberlain, „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts" über 800 000 Exemplare und von dem unglaublich elenden und ordinären Machwerk eines Dinier „Die Sünde wider das Blut" in Jahresfrist mehr als 100 000 verkauft sein sollen, und das bei den heutigen Bücherpreisen! Die Lehrer unserer Gebildeten aber sind der Professor und sein Schüler, der Oberlehrer. Unter denen, die uns besiegt haben, ist auch das ehemals geschlagene Frankreich. Die Erneuerung, die ihm die Kraft dazu gab, hat es nicht zuletzt der Energie zu verdanken, mit der es in der Krisis des Dreyfusskandals das Gift des Antisemitismus aus sich ausschied. Damals war es ein Zola, der in flammender Rede die Jugend Frankreichs beschwor, sich nicht von diesem Wahnsinn betören zu lassen und ihm Wahrheit und Gerechtigkeit zu opfern. Wo ist jetzt Deutschlands Zola, der Mann von anerkanntem Ruhm, dessen Stimme von jedermann gehört würde, der cum ira et studio, mit heiligem Zorn, mit feuriger Beredsamkeit die studierende Jugend Deutschlands beschwöre? Nach der Organisation unserer Bildung müßte es ein Profesior sein. Statt deflen gefallen sich ührer nicht wenige darin, die alten „patriotischen" Tiraden zu variieren und mit ihnen einen neuen Fichte zu markieren. Und Herr Professor Delitzsch schreibt: „Die große Täuschung" sine ira et stndiv.

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