Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Article
- [Ohne Titel] / Verax
- Date
- 1920-06-01
- Page
- 204 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316900-2316906--31224-2357610- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
204 Im deutschen Reich Beklemmung und Verzweiflung- In einem von der Zensur arg mitgenommenen Leitartikel schreibt der „Haaretz" vom 14. April: „Was bringt die nächste Nacht? Was. bringt der nächste Tag?" Das sind die bangen Worte, mit denen man sich in Jerusalem begrüßt. Die Nächte verbringen wir in Angst, und Beben, und bei Tag gehen wir herum, gedrückt und beklommen über das,, was wir erlebt haben, gucken nach den Wolken und schauen aus nach einem Volte, das kerne Hilfe bringt, wir gehen einer ungewissen Zukunft entgegen, beweinen das Vergangene und suchen tastend einen Ausweg aus der fürchterlichen Lage, in oie wir geraten sind. So ist es in Jerusalem, so ist es im ganzen Lande. Man vertröstet uns, daß alles ruhig sei, die Beherrscher des Landes geben Versicherungen; wir aber wissen aus Erfahrung, was diese Versicherungen wert sind, wir hören die Worte, lesen die Depeschen und bleiben unruhig wie zuvor.In der Tat, wer kann uns verbürgen, daß die Pogrome sich nicht wiederholen werden, in Jerusalem ebenso wie anderwärts in Palästina? Unter der früheren Regierung (des Sultans) durften wir getrost uns und andern die Versicherung geben, daß in Palästina keine Pogrome stattfinden werden, denn wir wußten, daß dies unmöglich war. (Zensurlücke von 10 Zeilen.) Die Araber waren sicher, bei uns stets Nachfrage nach ihrer Arbeit zu finden, die wir gut bezahlten, wir waren uns bewußt, welchen Nutzen wir dem Lande brachten, und waren überdies sicher, daß Gesetz und Recht jeden friedlichen Einwohner schützten. Verbrechen und Anstiftung zu Verbrechen konnten in Erez-Jsrael nicht auf« kommen. (Zensurlücke von 20 Zeilen.) . . . werden den furchtbaren, blutigen Fleck nicht wegspülen, der auf der Ehre der Ortsregierung ruht. . . . Mag das „Reutersche Korrespondenz-Bureau" lügen, was das Zeug halt und nach Kräften die Wahrheit zu verschleiern suchen, die Tatsachen schreien ^um Himmel, die Erde wird auf ewig das Blut nicht zndecken, welches am Pessachfest geflossen ist. . . . Und immer wieder steigt die Frage auf: „Was wird die Nacht bringen, was wird der morgende Tag bringen?" . . . Das Blatt ermahnt, den Mut nicht sinken zu lassen, aber wer wird es den Leuten verargen, daß sie das Gefühl haben, eine große Hoffnung ist zusammengebrochen, eine starke Zuversicht hat getrogen? War doch der ganze Zionismus darauf aufgebaut, daß man die Judenmassen aus dem Bereich der ewigen Pogrome herausführen müsse in ein Land, wo Pogrom und Boykott unmöglich sind; hat ja die Emigration nach Palästina erst begonnen, als die großen Judenpogrome in Südrußland 1881/82 ausbrachen. Nun taucht in Palästina das blutige Gespenst drohend empor. Pogrom und Boykott sind nach der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte des jüdischen Volkes verpflanzt worden, der einzige Flecken Erde, wo man vor ihnen sicher zu sein hoffte, wird von ihnen heirngesucht. In Palästina ist kein Jude so naiv, zu glauben, daß der Pogrom und seine Begleiterscheinungen plötzlich gekommen sind und plötzlich verschwinden werden. Es wird ihnen immer klarer, daß hier eine Saat aufzugehen beginnt, die seit Jahren mit freventlicher, leichtfertiger Hand ausgestreut wurde, daß dieser Pogrom eine neue Periode einläutet, in der den Juden das Leben und Arbeiten im Lande der Väter wenn nicht ganz unmöglich, so doch unendlich schwer und leidvoü gemacht werden wird. ... Unerforschlich sind die Wege, der britischen Diplomatie. Der „Temps" vom 8. Mai wirft dem teuern Bundesgenossen vpr, daß er mit den türkischen Nationalisten unter Kemal Pascha insgeheim verbunden sei, daß er einen Geheimvertrag mit dem Sultan geschloffen habe, daß er es sei, der die Araber zu dem blutigen und verlustreichen