Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1920)
- Article
- [Ohne Titel] / K. A.
- Date
- 1920-06-01
- Page
- 192 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316900-2316906--31210-2357598- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
182- Im deutschen R^ich glauben. So ergibt sich die Situation, der wir im Augenblick gegenüberstehen: Ein erheblicher Teil der sogenannten intellektuellen Bevölkerung steht der antisemitischen Agitation zur Verfügung, sie nimmt je d e Sp eise, die ihr die Agitatoren vorwerfen, freudig auf, und sie ist gewillt, von sich aus w eit er zu werben. Das ist eine Tatsache, die, zur allgemeine» Erkenntnis der Juden geworden, in diesen Tagen von allerhöchster Bedeutung für uns sein muß. Erfreulich ist es, wie demgegenüber der Wille zur Aufklärungsarbeit sich doch mehr und mehr bei unseren Freunden durchsetzt. Man sollte hier vor keiner Mühe zurückscheuen; ist es auch nur einer, den man nach langer Arbeit von der Unrichtigkeit seiner bisherigen Anschauung überzeugt, so ist doch dieser eine nachher wieder in der Lage, zehn andere seinerseits zu bekehren. Je mehr Nährboden aber den Antisemiten entzogen wird, um so weniger werden sie am 6. Juni in der Lage sein, einen durchschlagenden Erfolg zu erzielen. Wie wenig es der antisemitischen Agitation auf die Wahrheit ihrer Darstellung ankommt, sei einmal an ganz wenigen Beispielen, die, vielleicht an sich von geringer Bedeutung, im übrigen aber doch symptomatisch sind, gezeigt. Im Anschluß an die jüngste Aufruhrbewegung im Ruhrgebiet ging an einem bestimmten Tage eine gleichlautende Notiz durch die gesamte rechtsstehende Presse und einen nicht unerheblichen Teil auch der übrigen Presse des Inhalts, daß die Ausruhrbewegung 'geleitet sei von jüdischen Persönlichkeiten, deren Namen auch angeführt wurden. Die Feststellungen ergaben, daß ein großer Teil der in jener Notiz genannten Herren weder mit dem Judentum noch mit der Aufruhrbewegung das geringste zu tun hatte, und daß die, die Juden mären, ebenfalls der Bewegung vollkommen fernstanden. Im übrigen zeigte sich ferner, daß an leitender Stelle überhaupt kein Jude die Aufruhrbewegung mitgemacht hat. Man hatte also in einer politisch besonders gespannten Situation es für zweckmäßig befunden, ein paar Namen zusammenzustellen, Namen von Persönlichkeiten, die vielleicht im Ruhrgebiet eine gewisse politische Rolle spielten, diese Namen in Verbindung mit der Ausruhrbewegung zu bringen und dann zugleich die Feststellung daran zu knüpfen, daß diese Herren Juden seien, und daß natürlich das Judentum auch dieses Mal wieder Ruhe und Ordnung im Vaterlande untergrabe. Ueber den Erfolg war man sich nicht im unklaren: die Empörung über die Ereignisse in der dortigen Gegend mußte sich alsbald gegen die Juden richten. .Und die da ver-