Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1920)
- Article
- [Ohne Titel] / Verax
- Date
- 1920-05-01
- Page
- 167 (sequence 5)
- Language
- German
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Jüdische Rundschau 167 höchste Gerichtshof hat das Verbot «bestätigt! Das heißt, es wird den nicht englisch sprechenden Amerikanern verboten, ihren Kindern in ihrer angestammten nationalen Sprache auf eigene Kosten Unterricht erteilen zu lassen. Die Heranwachsende Generation soll keine andere wie die englische Sprache als ihre Muttersprache betrachten dürfen. Werden nun die Amerikaner von Europäern etwas verlangen können, was in ihrem eigenen Lande direkt verboten ist? Es ist wichtig, zu betonen, daß auch die systematische Untergrabung des Sabbat mit demselben Argument begründet wird: Sind' die Juden keine Religionsgenossenschaft, sondern eine Nationalität, dann ist der Sabbat kein unantastbares religiöses Heiligtum mehr, sondern eine Art nationales Fest. Wo in aller Welt gibt es ein Land, in dem fremde Nationalfeste gefeiert oder gar vom'Staate geschützt werden dürfen? Würden die Dänen ein ^polnisches, die Franzosen ein ukrainisches Nationalsest in ihrem Lande dulden? Die Völker Europas schämen sich seit anderthalb Jahrhunderten der religiösen Unduldsamkeit, auch wo sie sie gern betätigen; sie gilt als ein überwundener, veralteter Standpunkt, ein Schandfleck, den man gen? verbirgt und ubertüncht; die nationalistische Unduldsamkeit dagegen gilt als eine heilige Pflicht, als ein edles Gebot der SelbsterhaÜung. Gerade weil der Nationalismus als aufhauende Idee in diesem Kriege den Todesstoß erhalten hat und die besten Geister Europas sich von ihür abgewendet haben, wird er in den nächsten Jahrzehnten seine letzten fanatischen Todesorgien feiern und viele Opfer fordern, bevor er endgültig abdankt — besonders unter Emporkommlingsnationen, in den neugebackenen Staaten; und das 6e^ guemste Opfer wird für ihn die „jiddische Nationalität" sein, die, im Gegensatz zur Mischen Konfession, keine ehrfürchtgebietende Tradition hinter sich hat; im Gegensatz zu anderen wirklichen Nationalitäten auf keinen zusammenhängenden Territorien, hinter keiner ausgeprägten eigenen Sprache Schutz finden kann, sich noch immer nicht unbestritten definieren' läßt und nicht einmal von sämtlichen Juden anerkannt wird. Den Gedanken an einen Boykott gegen Andersgläubige wird auch der dunkelste Europäer von sich weisen; aber ein Boykott gegen eine fremde Nationalität, die sich im Lande eingenistet hat, erscheint ihm ethisch gerechtfertigt, sogar gefordert, weil er zur Stärkung und Erhöhung der eigenen Nationalität führt. In allen Ländern, wo d e r j ü d i s ch e N ati o n ali s m us in das Bewußtsein der jüdischen und der nichtjüdischen Bevölkerung eindringen wird, gehen die Juden unabwendbar solchen Zuständen entgegen, wie sie in Polen durch den Boykott, die Abschaffung des Sabbat und die Verdrängung des Hebräischen aus dem Religionsunterricht gek e n n z e i ch n e t s i n d. Es wird wenig nützen, daß der Kongreß für alle Bürger psr neuen Staaten in Europa gleiche bürgerliche, politische, religiöse und nationale Rechte (national rights) fordert. Diese Formulierung zeugt von unglaublicher Oberflächlichkeit und auch Leichtfertigkeit. Das Wörtchen „national" hat im anglo-