Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1920)
- Article
- [Ohne Titel] / Verax
- Date
- 1920-05-01
- Page
- 166 (sequence 4)
- Language
- German
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166 Im deutschen Reich vor wenigen Wochen beschlossen verschiedene Stadtschulbehörden Polens, das Hebräische im Rahmen des jüdischen Religionsunterrichtes -in den Volksschulen zu verbieten! Kein Protest und keine Beschwerde half. Auch in diesem Punkte hat also die „Forderung" des Kongresses, wie zum Possen, gleich wie in der Sabbatruhe, das Gegenteil von dem erreicht, was sie erstrebte. Das Verbot, das immer mehr sich ausbreitet und bald ganz Polen umfassen und sicher auch in den Nachbarländern nachgeahmt werden wird, wird folgendermaßen motiviert. Sola-me Lre;Yuöcn als Religionsgemeinschaft galten, gehörte das Hebräische zu ihrer religiösen Ausrüstung und war ebenso unantastbar, wie jede andere Einrichtung ihrer Religion. Nun wollen sie um jeden Preis als Nationalität behandelt werden, das Hebräische soll also als eine ihrer Nationalsprachen betrachtet werden, das „Jiddische" ist die andere. Von der Anomalie abgesehen, daß hier der ganz vereinzelte Fall vorkommt, daß eine Nationalität zwei Nationalsprachen besitzt, die zwei grundverschiedenen Sprachstämmen angehören, sind sie ja beide fremde Sprachen; nun ist es allgemeiner Grundsatz, daß in der Volksschule fremde Sprachen nicht gelehrt werden dürfen. Die hebräische Sprache muß also aus allen Volksschulen mit polnischer Unterrichtssprache verbannt werden, Raum kann sie nur finden in solchen mit hebräischer Unterrichtssprache. Wenn solche Schulen je auf öffentliche Kosten gegründet werden sollten, so werden sie nun eben vereinzelt bleiben, da ja die Volksschule in Polen die Zöglinge nicht für das Leben im künftigen Palästina vorbereiten soll, wo vielleicht Hebräisch nach Jahrzehnten die herrschende Sprache sein wird, sondern für das Leben im heutigen Polen, wo die gründliche Kenntnis des Polnischen unabweisbare Lebensnotwendig k e i t fürjeden Bewohner ist und es mit jeden: Tag immer mehr wird. Die erdrückende Mehrheit der jüdischen Kinder in Polen wird also gezwungen sein, Volksschulen mit polnischer Unterrichtssprache zu besuchen, wenn sie im späteren Lebenskampf nicht untergehen wollen; ja, die Juden werden froh sein, wenn man ihnen hierin nicht, wie in Rumänien, Hindernisse in den Weg legen wird. Bleibt nun das Hebräische vom Religionsunterricht eliminiert, so bedeutet dies einen schweren Schlag. Man braucht nämlich die in diesem Unterricht erworbenen hebräischen Kenntnisse durchaus nicht zu überschätzen, um einzusehen, daß sie jedenfalls dem Kinde die Grundlagen vermittelten, die, vertieft und erweitert, eine wertvolle Mitgabe fürs Leben bildeten. Schon allein, daß das Hebräische rat Lehrplan einer öffentlichen Schule figurierte, daß das Kind von diesem Gegenstände Noten erhielt und der Lehrer ihm auferlegen durste, es, wenn auch in bescheidenem Maße, zu pflegen, verlieh dem Hebräischen ein gewisses Prestige, und hob es in den Augen der Eltern und Kinder. All das wird jetzt aufhören, und das ist der erste „positive" Erfolg der nationalistischen Propaganda. Und wie, um die Ironie zu vollenden, wurde erst vor kurzem in einigen Gliedstaaten der Union der Unterricht in „fremden", d.h. rnchtenglischen Sprachen in den (privaten) Volksschulen und in den unteren Klassen der Mittelschulen aufs strengste verboten. Der