Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 3 (März 1920)
- Article
- [Ohne Titel] / Verax
- Date
- 1920-03-01
- Page
- 117 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316900-2316903--31001-2357335- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdische Rundschau 117 Strenge Beobachtet. Sie Waren also lange schon dein neuen Gesetz zuvorgekommen, welches ihnen nun auch einen zweiten Ruhetag auszwingen wollte. Das wäre für die Produktivität der Arbeit und dis Leistungsfähigkeit des Landes verderblich geworden. Der Polen- Lull des Wiener Reichstages nahm, auf Anregung des Abgeordneten Dr, Emil Byk, Präsidenten der Lemberger jüdischen Gemeinde, die Sache in die Hand und setzte für Galizien Ausnahmen durch, wonach die jüdischen Ladenbesitzer den größten Teil des Tages osfenhalten durften, den Handwerkern aber die Arbeit den ganzen Tag hindurch sreistand. Der Polenklub strebte danach, die galizischen Juden von dem Zwangsgesetz für Sonntag überhaupt auszunehmen und, wie in Frankreich, jedem Bürger anheimzustellen, welchen Tag der Woche er als Ruhetag wählen wolle. Allein,diese Bemühungen scheiterten an dem Widerstand der Wiener Kreise; für diese war nämlich eine Schwächung der Produktivität und somit der Konkurrenzfähigkeit Galiziens, wie sie das Sonntagsruhegesetz herbeiführen mußte, sehr erwünscht, und hierin wußten sich Christlichsoziale und Fortschrittliche vollkommen eines Sinnes. Indessen, wenn Galizien auch nicht ganz von dem Gesetz ausgenommen wurde, so waren die vom Polenklub im Interesse des' Landes durchgesetzten Erleichterungen für die Juden so bedeutsam, daß der Druck fast gar nicht gespürt" wurde. So war es unter der bedrückenden Herrschaft des rückschrittlichen, absolutistischen, völkerknechtenden Oesterreichs. Jetzt, nachdem die fortschrittlichen und erleuchteten Demokratien des Westens gefiegt haben, ist es anders. Dabei wird das Gesetz in einer Zeit erlassen, da Polen mehr noch als alle anderen Staaten Europas einer intensiven, gesteigerten wirtschaftlichen Arbeit bedarf. Polen befindet sich in der vorteilhaften Lage, daß sogar ein beträchtlicher Teil seiner Großindustrie, in der Juden beschäftigt find, nicht einen Tag der Woche ganz stillzustehen brauchte, indem die jüdischen Arbeiter am Sonntag und die christlichen am Sonnabend arbeiten könnten. Was für einen großen Borsprung das bedeutet, ist für jeden Einsichtigen klar. Nun wird dieses Prinzip der Arbeitsteilung nicht nur in der Großindustrie n-cht durchgeführt, wo el< zur Erhöhung der daniederliegenden Produktivität beitragen müßte, sondern es wird die Einschränkung der Arbeit auf das Handwerk und das Kleingewerbe ausgedehnt, obwohl dies die Arbeitsproduktivität des Landes unweigerlich schädigen muß. Aber in den Augen der jetzt herrschenden Gewalten ist dieser Schade geringfügig im Vergleich mit dem großen Ziel, die Juden zugrunde zu richten, ihnen "die Hölle so heiß als möglich zu machen, in ihnen das Gefühl zu erwecken und zu bestärken, daß sie im Lande Fremde find und darin kein Daseinsrecht besitzen. Schon lange vor dem Kriege hatte die polnische Nationaldemokratie mit richtigem'Blick erkannt, daß eine den Juden zwangsweise auserlegte Sonntagsruhe den wirtschaftlichen Ruin ihrer großen Masse und ihres Mittelstandes herbeiführen müßte. Darum lief sie in Galizien bei jeder Gelegenheit Sturm gegen die dortigen Sonntagsruhegesetze, die die Juden nicht behelligten. Aber was sie unter österreichischer Herrschaft nicht erreichen konnte, erreichte sie