Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1920-03-01 · Heft 3 (März 1920) · p. 110

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 3 (März 1920)
Article
[Ohne Titel] / K. A.
Date
1920-03-01
Page
110 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2316602-2316900-2316903--30992-2357328
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Im' dsntschen Reich HO und sowohl einzelne Schachzüge des Gegners wie auch seine großangelegte Methode zu bekämpfen. Wir stehen nicht auf dem Standpunkte derer, die da gerne behaupten, der Antisemitismus sei eine „soziologische Erscheinung"; er sei so alt wie das Jridentum und er' könne niemals überwunden werden. Diese Auffassung ist natürlich recht bequem, denn sie gibt die Berechtigung zur Entschuldigung für eine Untätigkeit gegenüber all dem, rvas die Antisemiten leisten. Werden aber die praktischen Früchte der antisemitischen Agitation allzu fühlbar, so bleibt ja immer noch der Hilferuf an die, die die Gegeüarbeit von jeher auf sich genommen haben. Vor allen Dingen aber ist von diesem Standpunkt aus auch die Kritik sehr leicht und sehr gut möglich. Es wirkt einigermaßen erheiternd, wenn man in der „Jüdischen Rundschau", also dem Hauptsitz der Deutung des Antisemitismus als einer soziologischen Erscheinung, in einem Artikel über die „Situation in Deutschland" einige freundliche Worte über Broschüren liest, die von uns herausgegeben sind. Sehr dankenswert ist von dieser Seite die Feststellung, daß derartige Schriften gut und notwendig sind, wenn man sich über die Grenzen ihrer Wirksamkeit im klaren ist. Ueber die Grenzen der Wirksamkeit dieser Broschüren -sind wir uns durchaus um klaren. Wir sind gänzlich mit der „Jüdischen Rundschau" darin einig, daß durch sie der Antisemitismus nicht beseitigt werden kann. Die „Jüdische Rundschau" braucht ja nun aber auch den Antisemitismus in der Tat nicht zu beseitigen, denn er ist ja eine soziologische Erscheinung, und wir verstehen nicht, weshalb man sich dann von dieser Stelle aus mit ihm und dem, was gegen ihn geschieht, besaßt; denn Dinge, diL man nicht ändern kann, soll man mit Freude oder mit Ergebenheit — je nachdem, wie sie aussallen — auf sich nehmen. Wir haben aber, wenn wir derartige Meinungsäußerungen lesen, immer das Empfinden, als ob diese „soziologische Erscheinung" doch denen, die sie so auffaffen, einiges Unbehagen bereitet und daß man recht froh darüber ist, daß es andere gibt, die sich bemühen, diese „soziologische Erscheinung" aus der Welt zu schassen. Die beliebte Feststellung, daß der Antisemitismus so alt sei wie das Judentum, ist im übrigen auch falsch. Denn es hat sehr große Perioden in der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft gegeben, die durchaus frei sind von dem, was wir heute Judenhaß nennen. Immer nur dann, wenn der jüdischen M i n o r i - t L t gegenüber Mächte austraten, denen es aus irgendeinem Grunds zweckmäßig erschien, diese Minorität zu bekämpfen, wurde der Kampf eingeleitet. Das Judentum teilt in dieser Beziehung das Schicksal aller Minoritäten. Es sei hier nur an die schweren Verfolgungen erinnert, die das Christentum er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.