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Im deutschen Reich · 1920-03-01 · Heft 3 (März 1920) · p. 101

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 3 (März 1920)
Article
Moralische Valuta
Date
1920-03-01
Page
101 (sequence 5)
Language
German
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Moralische Valuta 101 zur Glosse reizen. Wenn aber hirnverbrannte Ideen in die Tat umgesetzt werden, wenn Pestkulturen aus zerbrochener Laooratoriumsampulle den Menschen angehen, wird es blutiger Ernst. Wer je einer großen Volksversammlung beigewohnt hat, der weiß, wie die Masse, zerschmolzen aus tausend Atomen, gelöst von allen moralischen Hemmungen, willenloses Werkzeug in der Hand der Demagogen ist, völlig der Massensuggestion unterlegen, tierisch-triebhaft, der hat eine Vorstellung der ungeheuren Gefahr bei Mißbrauch des Volksinstruments. Ein zündendes Wort in die gistgefüllte Atmosphäre geschleudert — gewaltigste Explosion! Aus unzähligen nationalistisch-anLisemitischen Quellen strömen unaufhaltsam, unter immer stärkerem Druck, diese Giftgase. Zahllose antisemitische Agitatoren hantieren mit, Stahl und Stein, daß die Funken sprühen. Gegen die Juden. Dieselbe nationalistische Strömung, die sich den Minister Erzberger zum Ziele nahm. Nieder mit dem Judenausschuß! Nieder mit Erzberger! tönt es in Versammlung und Presse programmäßig. (Gute Regie!) „Das mannhafte Verhalten des Grafen Arco Valley, der den bayerischen Revolutionssührer Eisner erschoß, hat ihn in weiten Kreisen Bayerns zum Volkshelden gemacht," feiert der alldeutsch-antisemitische Münchener Verlag I. F. Lehmann den Meuchelmörder. In der Versammlung vom 14. 11. 19 in der Philharmonie wurde eine Kundgebung' deuLschnütioualer Zuhörer gegen Erzberger vom Abgeordneten Lawerenz als Gottesurteil bezeichnet, und als er die Befürchtung aussprach, Erzberger werde den deutschen Namen auch in Zukunft schädigen, rief ein junger Bursch e: „Armer E r zb er g er, er lebt nicht mehr lange!" Wozu die antisemitische „Post" vom 15. 11. .19 hämisch bemerkt: „Wenn die Nachricht, die vor einiger Zeit durch die Presse ging, zutrifft, daß Erzberger aus Angst, ihm könne einmal etwas zustoßen, im Reichs-» finanzministerium wohnte, dann möchten wir das Bild sehen, das der Minister in diesem Augenblick geboten haben muß." Und als bei einem ähnlichen Vorfall in Stuttgart ein. Versammlungsredner mit Bezug auf Erzberger einen Strick Zeigte und aus den nächsten Laterneupfahl hinwies, nannte die „Tägliche Rundschau" dies eine „verständliche Geste"! Es sei ausdrücklich, um jedes Mißverständnis auszuschließen. betont, daß hier keineswegs ein Politisches Werturteil in Dingen, die im Brennpunkt des allgemeinen politischen Interesses stehen, abgegeben werden soll. So wenig etwa bei Abwehr antisemitischer Angriffe gegen die Kriegsgesellschaften in diesen Blättern, die sich g r u n d s ä tz l i ch jeder politischen Stellungnahme — soweit nicht jüdische Angelegenheiten in Frage stehen — enthalten, für oder wider die Zwangs- oder Planwirtschaft eine-. Lanze eingelegt worden ist, soll hier der Versuch einer Ehrenrettung Erzbergers vorgenommen werden. Wohl aber muß die Art politischer Kampfesweise gegen die Juden und die Folgen, die derart verwerfliches Handeln zeitigt, an Hcmd dieses Beispiels schonungslos an den Pranger gestellt und aus das schärfste gegeißelt werden. '

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