Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 3 (März 1920)
- Article
- Moralische Valuta
- Date
- 1920-03-01
- Page
- 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2316602-2316900-2316903-2357252--30978-2357318- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10Q Im deutschen Reich , Dieser Widerspruch zwischen Wort und Tai begegnet uns im Politischen Lebeu häufig, und nicht die Schlechtesten sind es, die sich, angeekelt von politischer llnreinlichkeit, enttäuscht ins Privatleben zurückziehen, wie überhaupt die sogenannte „Größe" rneist nur in der Perspektive wirkt. Trotzdeur ist es für die ganze Richtung bezeichnend und symptomatisch, wenn — um unter zahllosen Beispielen eines herauszugreifen — etwa Pfarrer Rump, einer der alldeutsch-antisemitischen Hauptführer, der zwar nicht im Felde war, dafür aber im „Treubund", im „Bund der Aufrechten" usw. den Juden zu Leibe geht, im Kessel-Prozeß als Ordensjäger entlarvt wird, der unter der Nacktheit seines- Knopfloches nach eigenen Angaben „sehr litt" und deshalb dem ihm nahestehenden Hauptmann v. Kesse! ein Schreiben mit der Bitte gab, sich für die Verleihung des E. K. an ihn zu interessier«!. Bund der — Aufrechten? Im alten Griechenland gab es Philosophenschulen, in denen die Jünger in der rinnstder Dialektik derart geübt wurden, daß sie zu einer ihnen gegebenen Behauptung Beweis und Gegenbeweis zu erbringen hatten; Sieger war, wer die Zuhörer durch seine Geistesgewandtheit so zu überzeugen vermochte, daß sie an die Wahrheit seiner Worte glaubten, und ihnen dann ebenso schlagkräftig bewies, daß alles eben Dargelegte. falsch und düs gerade Gegenteil allein das richtige sei. Ohne hier näher auf einen — die alten Philosophen Unverdienst beleidigenden — Vergleich mit den heutigen Antisemiten eingehen zu Wollen, sei daraus hingewiesen, daß diese innerlich unwahre und unlautere Art politischer Kampfesweise ebenfalls Merkmal alldeutsch-antisemitischer Gesinnung ist. „W er drängt sich in die Einwohnerwehren? — D i e Juden", schreien Flugblätter und reden von jüdischer Aufdringlichkeit, Vormachtsstreben, Schutz jüdisch-kapitalistischer Interessen. „Warum halten sich die Juden von der Einwohnerwehr fern?" höhnen im selben Atemzugs antisemitische Piraten der öffentlichen Meinung und erzählen von Feigheit, Staatsseindlichkeit, sozialistisch-kommunistischrevolutionären Umtrieben der Juden! Die Juden waren im Kriege in Heimat und Etappe, -sie haben sogar die Front von hinten erdolcht, sagen die Antisemiten. Konnte wirklich auch nur ein Gifthauch der „jüdischen Presse vom Schlage des -Berliner Tageblatts' und der -Frankfurter Zeitung"' in die Front dringen, wenn diese Blätter, wie in der Kronprinzenarmee und sonst vielfach, verboten und man, wo pe »ugelassen waren, „unauffällig" ihre Leser isststellte und chauvinistische Gesinnungsschnüffelei übelster Art trieb? Deutschland hat den Krieg verloren, weil — die Juden sich gedrückt "haben. Und weisen wir nach, daß die Juden in dem ihnen zukommenden Verhältnis im Schützengraben waren — keine antisemitische Verlegenheitspause, im Gegenteil: Der Krieg ist für uns verloren, weil die Juden an der Front waren! : Solange politische Kämpfe sich nur mit Tinte und Drucker-' schwärze abspielen, hat der Humor sein Recht und mag die Materie