Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 3 (März 1920)
- Article
- Moralische Valuta
- Date
- 1920-03-01
- Page
- 99 (sequence 3)
- Language
- German
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Moralische Scania 99 ratspolitit des ehemaligen habsburgischen Hauses nicht iramer als ein Zeichen staatsmännrscher Klugheit gepriesen? Wird den Diplomaten etwa wegen ihrer engen persönlichen Beziehungen zu den Ländern, in die sie entsandt sind, Nichteignung nachgesagt? Oder ist nicht vielmehr jedes Mittel, das dazu dient, unser Verhältnis zum Ausland zu f eft i g en un d unser Ansehen zu stärken, im vaterländischen Interesse? Deutschnationale Studenten, die jüdischen Gelehrten nur um ihres Judentums willen die Möglichkeit wissenschaftlicher Arbeit zum Wohl und Gedeihen des deutschen Volkes nehmen (Meyer, Einstein usw.), erweisen sich und ihrer Nation den denkbar schlechtesten Dienst: Sie schädigen die volkswirtschaftliche Entwicklung unseres Vaterlandes durch Vertreiben tüchtigster Kräfte, zwingen diese, im Auslande, wo man sie aus berechnender Klugheit mit offenen Armen empfängt, ihre wissenschaftlichen Forschungen fortzusetzen, und erreichen das Gegenteil des Gewollten: Schwächung der eigenen, Stärkung der fremden Nation. And unser moralisches Defizit? — Es gibt keinen nationalen Stickstoff, keine nationale Essigsäure und keinen d e u t s ch n a t io - nalen Alkohol, aber es gibt eine deutsche Industrie,dieMänner, wie die Juden Haber, Caro, Franck und Grün st ein notiger als tausend deu Löscher Demagogen und Worthelden braucht, um unser ausgemergeltes, von wichtigsten Rohstoffproduktionsgobieten abgeschnittenes Vaterland wieder einer erträglichen Zukunft entgegenzuführen. Das sei den Herren der Karlsruher technischen Hochschule gesagt, die kürzlich die Erklärung abgegeben haben: „Die übernationale Entwicklung der Wissenschaft, welche Erkenntnis der Dinge bezweckt, hat unserer Ansicht nach zurzeit zurückzu treten vor der nationalen Aufgabe der Bildung, welche die Entfaltung der Persönlichkeit erstrebt. Wir müssen zuerst uns selbst, d. h. unser deutsches Wesen gewonnen haben, bevor wir uns das weitere Ziel stecken können, Andersdenkende, Andersfühlende und Fremdrassige für deutsche Art zu gewinnen". , Wenn in den letzten Sensationsprozessen (v. Kessel, Helsferich— Erzberger) Angeklagte, die den deuLschnational-antisemitischen Kreisen nicht sernstehen, deren Leiborgan die antisemitische Presse vom Schlage der „Kreuzzeitung" ist, jüdische oder von Juden stammende Verteidiger bestellen, wenn im Kaiser-Wilhelm-Filmprozetz der Vertreter der Krone einen jüdischen Anwalt für seine Interessen gewinnt, liegt darin zweifellos ein großes Vertrauen zu der Tüchtigkeit und Eignung der Gewählten. Ein so großes Vertrauen, daß man dabei den Widerspruch zwischen Wort und Tat in Kauf nimmt, indem man deutsche Juden, denen man die Fähigkeit nationaler Interessenvertretung aüspricht, zur Wahrung der eigenen Interessen in Anspruch nimmt und damit de facto den in dieser Zeitschrift ständig vertretenen Standpunkt anerkennt.