Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1920)
- Article
- Der "Allgemeine Deutsche Burschenbund" und die Juden
- Date
- 1920-02-01
- Page
- 77 (sequence 2)
- Language
- German
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77 Der „Allgemeine Deutsche Burschenbund" und die Juden Wenn ihm das nicht gelang, so lag es nicht etwa an seiner Unzulänglichkeit. Die starren, am Hergebrachten festhaltenden Tendenzen erwiesen sich stärker, als sein immer noch jugendlicher Idealismus. Immerhin: Der Funken war einmal in die Studentenschaft geflogen und hatte gezündet — leider aber nicht dort,, wo er zünden sollte. Als die Burschenschaften sich ablehnend verhielten, traten in Berlin eine Reihe jugendlich enthusiasmierter Studenten, die keiner Verbindung angehörten — nur einer 'war von ihnen ein Burschenschafter — zusammen und gründeten eine „Reformburschenschaft", die „Neogermania". Damit war wohl der Grund gelegt für eine neue Bewegung, aber auch zugleich der Anlast gegeben, daß die „alten" Burschenschaften den „neuen" die schärfste Fehde ansagten. Gleichwohl verlief die neue Bewegung sich nicht so schnell, wie die Burschenschaften gehofft hatten. Eine ganze Reihe von ähnlich gearteten Reformburschenschaften entstand, die sich bereits am 11. November 1883 zu einem neuen Verbände, dem A. D. B., zusammenschlossen. Auf die innere und äußere Entwicklung des Bundes kann hier, im Rahmen dieses Aufsatzes, nicht eingegangen werden. Hier soll nur die Stellung des Verbandes, der bald ab-, bald zunahm und feit 1900 in einer steten raschen Aufwärtsbewegung sich befindet, zur Frage des Antisemitismus erörtert werden. Der FreiheitsgedanLe war für den neuen Bund grundlegend. Freiheit bedeutete ihm aber nicht Zügellosigkeit, nicht das Recht eines jeden, zu Lun und zu lassen, was er wollte, sondern sittliche Gebundenheit. Und von diesem Gedanken ausgehend wertete man den Mitmenschen nicht nach sozialer Stellung, Rasse oder Konfession. Die Gleichheit aller, ohne Rücksicht auf die Abstammung, den Glauben oder den Geldbeutel, war ein hehrer Grundsatz. Daher konnte und wollte man auch nicht jüdische Studenten ausschließen, die ehrenhaft waren und auf deutsch-nationalem Boden (nicht im parteipolitischen Sinne!) standen, d. h. im deutschen Vaterland wurzelten und sich zu allererst als Deutsche fühlten. Der studentische Gründer, der seinen hohen Idealismus ganz in den Dienst der neuen Sache stellte und von Universität zu'Universität zog, um den „Reformgedanken" zu propagieren, war ein Jude. Er kämpfte aber nicht pro domo, er wollte nicht seinen Glaubensgenossen — von denen er sich bald äußerlich trennte — dazu verhelfen, sich in ein wohlgemachtes Bette hineinzulegen, sondern sein Ziel war ein hehres ideales: die gesamte Studentenschaft wollte er organisieren und für die neuen Ideen begeistern. Und niemand hat das mehr anerkannt als die antisemitisch Gesonnenen, die den Juden Wolfs anerkannten, aber bald seine Glaubens- oder Rassegenossen..ausschließen wollten, weil sie ihr altes Vorurteil nicht loswerden konnten, daß der Jude feige sei und sich an der Bewegung nur beteilige, weil — unter anderem — auch das studentische Duellwesen ganz energisch bekämpft werden sollte. So litt die junge Bewegung bald unter diesem häßlichen Auswuchs, sie kam zu keiner Entfaltung und Blüte, weil immer und immer wieder der Judenstreit in die Bewegung geworfen wurde und die Gemüter erhitzte.