Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1920)
- Article
- Der "Allgemeine Deutsche Burschenbund" und die Juden
- Date
- 1920-02-01
- Page
- 76 (sequence 1)
- Language
- German
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78 Im deutschen Reich . Der „Allgemeine Deutsche Burschenbnnd" und die Jude». Ein Beitrag zur SLudenLengeschichte. Von Dr. Joachim Selig sohn, Berlin. Der „Allgemeine Deutsche Burschenbund" (A. D. B.) hat auf seinem außerordentlichen Bundestage am 25. und 26. Oktober in Berlin den Beschluß gefaßt, daß Juden nicht mehr ausgenommen werden dürfen. In einer für die Öffentlichkeit bestimmten programmatischen Erklärung motiviert er diesen Beschluß damit, daß für die Erziehung der Jungburschenschaft die Einheitlichkeit innerhalb des Bundes eine wichtige Voraussetzung sei; darum habe der Bund die Ausnahme jüdischer Studenten in die Burschenschaften für die Zukunft abgelehnt. Diese Stellungnahme des einzigen großen Verbandes schlagender, farbentragender Studentenkorporationen, der bisher in der Aufnahme von jüdischen Studenten tolerant war, ist so wichtig und für die Beurteilung der antisemitischen Bewegung innerhalb der deutschen Studentenschaft so wertvoll, daß es sich verlohnt, im Zusammenhang näher auf diese Frage einzugehen, die seit je auch im A. D. B. eine große Rolle gespielt hat. . Der A. D. B., ursprünglich der Verband der sogenannten Reformburschenschaften, ist 1883 gegründet worden aus dem Bestreben heraus, die burschenschaftliche Bewegung, die seit 1871 immer mehr verflacht war, neu zu beleben und in der Studentenschaft tonangebend zu gestalten. Er hat sein Ziel nicht erreicht und auch nicht erreichen können, weil die Zeitumstände dem entgegenstanden. Ern sattes, im steten Aufwärtsgang begriffenes Volk bildet keinen Boden für eine spontane Bewegung, die nur an eine Idee appelliert und der jeder materielle Grund fehlt. Das Jahr 1883 läßt sich nicht vergleichen mit dem Gründungsjahr der Urburschenschaft, 1815, weder in geistiger noch sittlicher noch materieller Beziehung. Schnell mußte eine von reinstem Idealismus getragene Bewegung sich festlaufen. Denn die Zeitströmung, der Geist der Gegenwart, stand ihr entgegen. Der Gründer und geistige Vater, der praktische Arzt Br. Konrad Küster, jetzt fast 78jährig als Geh. Sanitätsrat und bekannter und beliebter Arzt in Berlin lebend, hat auch die Schaffung einer neuen, ganz idealistisch gerichteten Kampforganisation nicht gewollt. Er wollte eine Reform der bereits bestehenden Burschenschaften, wollte sie durch fefrt ernstes Mahnwort in seiner berühmt gewordenen Tivolirede veranlassen, sich aus sich selbst zu besinnen und zurückzukehren auf den Boden der Urburschenschaft. Er wollte die Auswüchse, die sich allmählich gebildet hatten, ausmerzen durch eine Reform von innen heraus. Nichts lag ihm ferner, als die alte verdiente Burschenschaft zu entwurzeln oder gar zu zertrümmern. Er legte nur den Finger in eine offene Wunde, hoffend, daß der Hinweis genügen würde, die burschenschaftliche Bewegung aus den alten Weg zurückzuführen.