Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1920)
- Article
- Die nationale Autonomie und ihre praktischen Folgen
- Date
- 1920-02-01
- Page
- 59 (sequence 3)
- Language
- German
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Die nationale Autonomie und ihre praktischen Folgen 59 kann sie nicht dem deutschen Judentum aufgedrängt werden, das sie aus äußeren und inneren Gründen nicht verlangt. Aus äußeren Gründen — wegen der geringen Zahl — aus inneren — weil sich der Nationalisierungsprozeß nur in dem kleineren Teil des deutschen Judentums vollzogen hat. Die nationale Autonomie würde den Nationaljuden in Deutschland bei ihrer geringen Anzahl nur Scheinrechte verleihen, in Wirklichkeit aber sie zur Einflußlosigkeit verdammen, sie würde auch nicht zur Entfaltung einer jüdischen Kultur in Deutschland führen, weil aus dem deutschen Judentum in seiner heutigen Verfassung keine selbständige jüdische Kultur erwachsen kann. Aus diesem Grunde müssen die Nativnaljuden in Deutschland den Versuch, ihnen nationale Autonomie aufzunötigen und damit in das deutsche Judentum, das an seiner Einheit festhält, eine Spaltung hineinzutragen, als eine Vergewaltigung betrachten. Wenn das deutsche Judentum die nationale Autonomie brauchen sollte, wird es sie schon verlangen. Wie sie ihm aber heute von der gewiß nicht zur eigenmächtigen Lösung der deutschen Judenfrage berufenen Hamburger Studentenschaft dargeboten wird, weist es sie mit aller Entschiedenheit als verhängnisvolle Gabe zurück. Umso Danaos et dona ferentes!" Diese Erklärung ist in vielfacher Beziehung sehr interessant. Einmal wegen des recht eigenartigen Versuchs, von der Folge der Nationalisierung nur den guten Tropfen für sich in Anspruch zu nehmen, den bösen Tropfen aber abzulehnen. Ueberall, wo sich die Anerkennung nationaler Minderheit bisher durchgesetzt hat, hat sie notwendigerweise zu einer prozentualen Verteilung nicht nur von Pflichten, sondern auch von Rechten geführt. Lägen wirkliche politische Verschiedenheiten zwischen Juden'und Deutschen vor, so wäre der Hamburger Beschluß durchaus begreiflich. Noch interessanter ist aber die Feststellung des zionistischen Blattes/ daß der Nationalisierungsprozeß „nur in den kleineren Teilen des deutschen Judentums sich vollzogen hat". Wenn wir das sagen, utn unseren Standpunkt zu stützen, so ist es eine Entstellung der Wahrheit, wo es aber dem Nationalismus nützt, kann sogar diese Behauptung aufgestellt werden. Endlich ist sehr bezeichnend das Geständnis, daß die nationale Autonomie heute noch nicht gefordert werden soll, weil sie „den nationalen Juden in Deutschland bei ihrer geringen Anzahl nur Scheinrechte verleiht, in Wirklichkeit aber sie zur Einflußlosigkeit verdammen würde". Wenn aber doch die nationale Absonderung ein so köstliches Geschenk ist, wenn sie den Antisemitismus „entgiften", die schlummernden Kräfte des Judentums wecken soll, wie vertragen sich damit die plötzlichen Nützlichkeitsbedenken des „Echo"? Die Zionisten predigen laut den Primat des Judentums. Ist die Nationalisierung und ihre äußere Kennzeichnung durch Verleihung nationaler Minderheitsrechte dem Judentum förderlich, so muß sie der Primatsjude auch verlangen,,wenn sie ihm in deutsch-wirtschaftlicher und politischer Beziehung Nachteile bringt. Anders als jüdische Rücksichten dürfen dann doch nicht obwalten. In Wahrheit aber liegt es so, wie wir immer gesagt haben: die Nationalisierung nützt dem Judentum nichts und schadet der bürgerlichen