Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1920)
- Article
- Die nationale Autonomie und ihre praktischen Folgen
- Date
- 1920-02-01
- Page
- 60 (sequence 4)
- Language
- German
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60 Im deutschen Reich Rechtsstellung. Darum geht es auch einem gut national-jüdischem Blatt so: Man fordert die nationale Sonderstellung, wo sie Vorteile bringt; machen sich aber einmal die bösen Folgen bemerkbar, berufen sich die'Gegner in der Praxis darauf, so ist alles, um mit Lessings Patriarchen zu sagen, „ein Problem". Wie heißt es doch in jenem alten Berliner Couplet: „Blamier mich nicht, mein schönes Kind, und grüß mich nicht unter den Linden!" Ein Gebiet des Lebens pflegte man bisher wenigstens in etwas von der politischen Propaganda fernzuhalten: die Kunst. Die Revolution hat aber einer großen Anzahl von Menschen, und gerade solchen, die immer behaupten, am wenigsten von der Revolution beeinflußt zu fein, offenbar das 'Bewußtsein eingepflanzt, daß ihnen nichts mehr heilig zu fein brauche. Und deshalb verschmähen sie es auch nicht mehr, in den Stätten, die bisher frei von dem Geschrei des Tages blieben, ihren Kampfruf ertönen zu lassen. Man mag über Theater, über Kunst denken wie man will, aber die Hetzpropaganda des Tages sollte den Orten, in denen Schauspiel und Musik gepflegt wird, fernbleiben. Wir wissen jedoch, daß im letzten Jahre auch unsere Theater in den politischen Kampf hineingezogen worden sind. Wir hätten natürlich keine Veranlassung, uns mit diesem an sich schyn äußerst unerquicklichen Thema zu beschäftigen, wenn" uns nicht unsere Gegner dazu gezwungen hätten. Seit einer Reihe von Wochen beobachten wir, daß , Herrschaften, die über eine besonders kräftige Kehle zu verfügen scheinen, systematisch T h e a tersk an d ale mit stark antisemitischem Einschlag heraufzubeschworen sich bemühen. Wir erinnern an die Vorgänge, die sich bei der Aufführung des neueinftudierten „Wilhelm Dell" im Staatstheater in Berlin abgespielt haben. Wir erinnern an ähnliche Machenschaften bei der Aufführung von „Schloß Wetterstein" in München. Auch aus denk Reich, so zum - Beispiel aus Bochum und Halle an der Saale, sind uns solche Vorgänge gemeldet worden. AM Berichte weisen den gleichen Ton auf; sie. legen die Vermutung nahe, daß es sich nicht um einen impulsiven Entrüstungssturm der Zuhörer gegen eine ihnen nicht genehme Aufführung handelt — etwas Derartiges wäre z. B. gerade bei dem Wedekindschen „Schloß Wetterstein" denkbar —, sondern um eine künstlich auf gemachte, geschickt'inszenierte Machenschaft antisemitischer Drahtzieher. Im Gefolg derartiger Ereignisse ergehen sich die Blätter, die vornehmlich dem Antisemitismus huldigen, in bitteren Ausfällen über den durch die Juden verschick-