Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1920-02-01 · Heft 2 (Februar 1920) · p. 56

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
26 (1920)
Issue
Heft 2 (Februar 1920)
Article
Der Stern Judas ist die Revolution
Date
1920-02-01
Page
56 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316900-2316902-2357103--30869-2357181
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

56 Im deutschen Reich zutage gefördert hat. Reaktion und Revolution find eben die entgegengesetzten Pole einer Linie. Der Julirevolution von 1830 haben Börne und Heine zugejubelt; der Märzrevolniion von 1848 haben'sie, die sich äußerlich vom Judentum längst getrennt hatten, die Atmosphäre bereiten helfen. In den Chor der freiheitlichen Lyriker stimmten Hartmann, Beck u. a. ein; vor dem Preußenkönige bekundete Johann Jakoby, der Verfasser der vier Fragen eines Ostpreußen, den Männerstolz vor Königsthronen. An der vorletzten russischen Revolution von 1905 waren noch wenige Juden beteiligt, die Gegenrevolution nahm blutige Rache an Millionen unschuldiger, seit Jahrzehnten mißhandelter Juden. Die Schandtaten des zaristischen Rußland allein an der jüdischen Bevölkerung hätten hingereicht, es für eine Revolution reif zu machen. Da kam der Weltkrieg und riß zuerst Rußland, dann Deutschland, dann Ungarn in den Abgrund. Unter einem roten Stern erschien der 9. November! War es der Stern Judas? Man sucht uns mit der Feststellung einzuschnchtern, daß an Len Umwälzungen dieses Jahres Juden in unverhältnismäßig hoher Zahl beteiligt und durch sie zu Macht und Einfluß gelangt seien. Aber welches Verhältnis legt man da zugrunde? Gab es denn z. B. in dem ungeheuren Rußland soviel zu Tode gemarterte, politisch geknechtete, sozial geachtete Christen, als Juden? Wenn es dort eben soviel Revolutionäre als Inden gegeben hatte, wäre das weiter nicht wunderbar gewesen! Eine tiefe Bitternis fraß auch an der Seele der deutschen Juden, seitdem der Geist vom 4. August 1914 geschwunden, der Judenhaß wieder sein Haupt erhob, und während Juden für die deutsche Sache bluteten, die Judenzählung den Beweis erbrachte, daß oben alles beim alten geblieben war. Im Verhältnis zu der seelischen Mißhandlung, Zurücksetzung, Beschimpfung, die die Juden bis zum Kriege in Preußen-Deutschland zu erdulden hatten (man denke an den Freispruch eines Theodor Fritsch kurz vor Ausbruch des Weltkrieges!) ist die Zahl der jüdischen Revolutionäre verschwindend klei n! Religiös interessierte Juden — und ihrer sind doch viel mehr, als man uns glauben machen möchte — haben viel zu starke Hemmungen zu überwinden, um Revolutionäre des Gedankens, geschweige der Tat abzugeben. Bei aller heißen Liebe zur Freiheit, zur Ehre und zum Ausstieg vertrauen sie anderen Gewalten lieber als der Selbsthilfe aus eigenstem Recht. - Merkwürdig: unter den 'Wirren des Weltkrieges ringt sich so etwas, wie eine jüdische Niederlassung in Palästina ans Licht,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.