Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 26 (1920)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1920)
- Article
- Der Stern Judas ist die Revolution
- Date
- 1920-02-01
- Page
- 51 (sequence 3)
- Language
- German
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51 „Der Stern Judas ist die Revolution" geblich blieb alle Nachforschung in sämtlichen Schriften des Gelehrten; selbst eine Auslobung von 10 600' M. konnte keinen Erfolg habei;. Wenn sie jetzt wie eine neue Entdeckung wieder auftaucht und statt unter falscher, unter anonymer Flagge segelt, so liegt eher die Vermutung nahe, daß sie der Studierstube jener Ueberstudierten entstarmnt, die zur wahren Geistes- und Charakterbildung gerade der führenden Klassen so herzlich wenig beigetragen haben! Seit dem Ueberhandnehmen der Naturwissenschaften in Deutschland haben die Geisteswissenschaften Not gelitten. Geblendet von den lockenden Schätzen, die ihm die angewandte Naturforschung verhieß, wurde der Deutschs der beste Ingenieur, Techniker, Chemiker, auch Arzt; aber in allen Wissenschaften, die eine regulative Funktion auf Moral und Gesittung, Staatsgesinnung und Völkerpiolitik hätten ausüben können, also Philosophie und Religion, Geschichte und Kulturforschung, blieb er zurück. Entweder haftete er an der Oberfläche, oder er fand das geistige Band für die verwirrende Masse der Einzeltatsachen nicht, oder was das schlimmste und häufigste war (man denke an Lagarde und Treitschke), er verachtete die voraussetzungslose Wissenschaft, und huldigte seinen vorgefaßten Zu- und Abneigungen, ja opferte den einseitigen Willensenergien die Wahrheit. Der schlichte Volksschullehrer hatte Sadowa gewonnen; der alldeutsche Oberlehrer aus der Schule .der nationalistischen Germanisten, Historiker, Philosophen und Volkswirtschaftler hat den Weltkrieg verloren. Er hat es verstanden, in den jungen Leuten von 20, nein, von 17 Jahren, den Todesmut fürs Vaterland zu erwecken und die Grabhügel von Ipern sind Zeugen davon; aber Menschen von Blick und Urteil über Seelen und Dinge aus allernächster. Nähe, z. B. über die seit 1% Jahrtausenden unter ihnen lebenden jüdischen Mitmenschen hat er nicht herangebildet. Wir hatten z. B. eine so zahlreiche Schule gelehrter Bibelforscher in Deutschland, wie vielleicht kein Lmrd der Welt. Trotzdem kann man heute noch dem gebildeten Deutschen über Juden und Judentum jeden Bären ausländen; er glaubt verstohlen noch an Ritualmorde oder gibt seine völlige Unwissenheit zu. Nicht Harnack, nicht Wellhausen haben etwas daran geändert, weil sie als Dogma aller Dogmen die sittlich-religiöse Minderwertigkeit des Jridentums verfechten zu müssen glaubten. - Als im Anfang des Krieges freiere Geister, wie Martin Rade und K. Lamvrecht, W. Staerk und A. Deißmann die Errichtung jüdischer Lehrstühle an den Universitäten befürworteten, predigten sie tauben Ohren. In der Deutschnationalen Partei sitzen neben dem neubekehrten Pfarrer Traub zahllose evangelische Geistliche; keiner tritt gegen die Parole aus: Der Stern Judas ist die Revolution.