Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 11 (November 1919)
- Article
- Zum 9. November
- Date
- 1919-11-01
- Page
- 462 (sequence 3)
- Language
- German
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462 Im deutscher? Reich Was, meine Herren Pfarrer, verstehen Sie unter dem „Geist, der in manchen christlichen Häusern gewaltet" hat und „von jüdischen Kreisen geübt" wird? Sie antworten: den undeutschen, zersetzenden Geist. Genauer: Herrschsucht, Ueberhebung, Gewinnsucht, Schmarotzertum, Rachsucht, Verlogenheit, Minderwertigkeit in Potenz. . . Genug, die Registerarie ist hinlänglich bekannt. Sie hätten sich kürzer fassen sollen. Also all das, was das Ausland Ihnen vorwirft. Sie haben recht; dieser „jüdische Geist" herrscht in manchen christlichen Häusern, und er wird in manchen jüdischen Kreisen geübt. Aber wir wollten doch das Trennende zwischen deutschem und jüdischem Geist feststellen und finden nun Gemeinplätze? Ist der deutsche Geist verjudet oder der -jüdisch e Geist verdeutscht? Was ist Ursache, was Wirkung? Aus diesem Labyrinth wird sich nur der zurechtsinden, der am Gedankenfaden rückwärts tastend den Ausgangspunkt wiedergefunden. Gehen wir von dem gleichen Grundbegriff aus, so müßten wir in logischem Aufbau zu gleichem Ziele gelaugeu. Binsenweisheit, doch nicht mindere Wahrheit ist es, daß zumeist Unklarheit über Begriffe Ursache der „anderen Ansicht" ist. Darum nochmals: Was ist jüdischer «Geist? „W i e S i e ihn verstehen": Herrschsucht/ Ueberhebung, 'Rachsucht, Negativismus usw., kurz: Der böse Geist. — „Sie wir ih n versteh en": Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Erkenntnisdrang, Glaubenstreue usw., also: Der gute Geist, den Sie etwa in Ihrer Sprache den deutschen Geist benennen. Warum also bezeichnen Sie mißverständlich den Geist, den wir Juden doch als amoralisch oder antimoralisch empfinden, als jüdisch? Sie verwahren sich, gegen die Juden, „als Personen oder Anhänger eines anderen Glaubens", die Geißel zu schwingen, und reden doch vom „jüdischen Geist"?! Nicht zweifeln wir an Ihrem guten Wollen; aber Sie reden zweideutig: S i e meinen den G eist, die Masse hört nur das Wort j ü d i s ch. Und halt darum den Juden für den bösen Geist. Meiden Sie, denen der Jude noch immer ein Fremdling erscheint, das Fremdwort des „jüdischen Geistes". Verdeutschen und verdeutlichen Sie es. Kämpfen Sie gegen die finsteren Mächte im Menschen, gegen Haß und Lüge und Ueberhebung, und Sie können gewiß sein, auch auf unserer Seite ein stattliches Kontingent MiMmpfer zu finden. Sie werfen dem „Jüdischen Geist" Internationalismus vor; gewiß, Satan ist kein Patriot, und das Laster ist allemal international. Kämpfen Sie gegen den bösen jüdischen Geist, „wie Sie ihn verstehen", für den guten jüdischen Geist „wi e mh ihn verstehen". Nicht mit demagogischen Mittelchen, mit Phrase und Schlagwort. Nennen Sie schwarz, was schwarz ist, und weiß, was weiß ist. Wecken Sie die guten Triebe im Menschen; denn nur von innen kommt uns der Erlöser. Verinnerlichen Sie Ihre Pflegebefohlenen. Stärken Sie, was edel und erhaben in uns ist, damit jeder sein eigener Seelenarzt werde. Aber predigen Sie nicht, ob bewußt oder unbewußt,