Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 25 (1919)
- Issue
- Heft 11 (November 1919)
- Article
- Kamorra
- Date
- 1919-11-01
- Page
- 458 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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458 Im deutsche» Reich hielt, zu der an 200 Vertreter aus dem Reiche zusammengekommen waren, leistete sich der Vorsitzende im Schlußwort die schöne Geste, vom Radau- oder Pogrom-Antisemitismus „abzurücken"? Die Herrschaften um Hergt und Dietrich, von der Planitz und Graf wollen also wohl als eine Art „Edel-Antisemiten" angesehen sein. — Was es mit solcher Abrückerei auf sich hat, erkennen wir aufs deutlichste am Beispiel der „Deutschen Tageszeitung", die Ende August (Br. Paul Nathan warnte damals im „Berliner Tageblatt" sofort davor, diese Stilübung ernst zu nehmen) vom Radau-Antisemitismus „abrückte", trotzdem aber den alten Pogromklepper zu reiten nicht unterlassen konnte. ... Vor mir liegt die „Deutsche Tageszeitung" vom 14. Oktober (Abend-Ausgabe) und darin ein Artikel, betitelt „Fast unglaublich". Ich lese: Vier Juden aus Strasburg in Westpr. (mit Namen: David Graß, Eugen Graß, Nawratzki, Jakobsohn) standen vor dem Kriegszustands-Gericht unter der Anklage, Zu Unrecht Unterhosen und Woilachs an die Polen verkauft zu haben. Und was geschah? Die vier Mann mußten entlassen werden; denn sie hatten die vorgeschriebene Ausfuhr- Genehmigung, und es war alles in Ordnung. Dieser Umstand verhindert die „Deutsche Tageszeitung" mit ihrem „abgerückten" Pogrom-Antisemitismus nicht, sage und schreibe 7 (sieben-)mal bei im ganzen 56 Zeilen — hervorzuheben, daß es Juden waren, die hier (unschuldig!) vor Gericht standen, und am Schluß des „fast unglaublichen" Artikels mit Nachdruck darauf hinzuweisen: daß, wenn im bevorstehenden Winter in Deutschland irgendein Mensch aus Mangel an Unterkleidung frieren sollte, daran in erster Linie die Juden schuld sind? Können die Blatter der Kamorra es wohl ärger getrieben haben? — Wenn wir nun derartige Skandalös« schon fetzt erleben, so bedürfen wir gar keiner besonderen Phantasie, um uns auszumalen, wie das erst werden soll, wenn wir — 1920 — in den erregtenWochen des nächsten Reichstagswahlkampfes stehen werden? Der „Vorwärts" hat seine Leser und Anhänger in der Nummer vom 25. Oktober durch einen ausgezeichneten Leitartikel („Die Reaktion") auf jenen Wahlgang bereits „schonend vorbereitet", und es wäre gut, wenn auch die führenden Blätter der anderen politischen Richtungen außerhalb des Antisemitismus beizeiten in ähnlicher Weise auf die reaktionäre Gefahr hinwiesen; denn die Grundzüge und Richtlinien entscheidender Wahlkämpfe können nicht von heute auf morgen Umrissen und niedergelegt werden. Der „Vorwärts" weist nach, daß Deutschlands Antisemiten drauf und dran sind, dem Volke die alte Leier vorzududeln, die